Die Realabstraktion als Form

22. Januar 2012 Juli Keine Kommentare

Zum Formbegriff bei Marx äußerte sich auch Alfred Sohn-Rethel, wenn auch sicherlich in noch sehr unausgereifter Form. Daher hier nur ganz kurz das wesentliche:

“Geistesform und Gesellschaftsform haben das gemeinsam, daß sie ‘Formen’ sind. Die Marxsche Denkweise ist durch eine Formauffassung gekennzeichnet, in der sie sich von allen anderen Denkweisen unterscheidet. Sie leitet sich von Hegel her, aber nur, um auch sogleich von Hegel abzuweichen. Form ist für Marx zeitbedingt. Sie entsteht, vergeht und wandelt sich in der Zeit. Form als zeitgebunden zu verstehen, ist Kennzeichen dialektischen Denkens und stammt von Hegel. Aber bei Hegel ist der formgenetische und formverändernde Prozeß, wie schon ausgeführt, primär Denkprozeß. Er konstituiert die Logik.” (S. 9) Mehr…

Konkrete Arbeit und Mythos

17. April 2011 Juli Keine Kommentare

Der französische Kommunist und Altertumsforscher Jean-Pierre Vernant argumentiert in seinem Aufsatz “Der Klassenkampf”, dass die Marx’sche Vermutung, die Geschichte sei in erster Linie als Geschichte von Klassenkämpfen zu begreifen, der historischen Vielschichtigkeit der Verhältnisse der Antike Welt nicht gerecht werde:

“Ließe sich die marxistische Theorie auf eine derart summarische, starre und undialektische Formel reduzieren, so wäre sie wohl kaum in der Lage, die Arbeit der Historiker zu erhellenh.” (S. 11)

Auf diesen Punkt rekurriert auch Robert Kurz Mehr…

Feuerwaffen-Ökonomie

17. April 2011 Juli Keine Kommentare

Robert Kurz bringt die Entwicklung des Kapitalismus mit einer neuartigen Politischen Ökonomie der Feuerwaffen in Verbindung. Neue geistesgeschichtliche Strömungen wie der Protestantismus allein würden nicht ausreichen, diesen fundamentalen historischen Wandel zu erklären. Dazu käme – und das sei der wahre Kern des historischen Materialismus – die Entwicklung zwar nicht einer Produktivkraft, aber doch immerhin einer Destruktivkraft: der Feuerwaffen. Einerseits habe hierbei die von den Feuerwaffen notwendiggemachte neue Kriegstechnik und -strategie einerseits das Rittertum “militärisch lächerlich” gemacht und andererseits den Aufbau moderner Armeen (und in deren Folge moderner Disziplinarregime) notwendig gemacht. Zum anderen aber habe diese Neuerung auch die Produktionsverhältnisse beeinflusst: Mehr…

Rationalität und Ordnung im alten China

16. April 2011 Juli Keine Kommentare

Was die Besonderheit der kapitalistischen Formbestimmung ausmacht lässt sich immer besonders gut deutlich machen durch ihre Konfrontation mit den Eigenlogiken anderer, zumeist vormoderner Gesellschaften. So schreibt Jacques_Gernet in einem gemeinsam mit Jean-Pierre Vernant herausgegebenen Aufsatz über das altertümliche China:

“Wenn 221 vor unserer Zeitrechnung der erste Kaiser Chinas alle Maß des neuen Reichs vereinheitlicht, so darf man hierin nicht nur einen positivien Akt sehen, der sich durch praktsiche Verwaltungsbedürfnisse erklären ließe. Denn folgende mächtige – und von unserem Gesichtspunkt aus irraktionale – Vorstellung ist gleichermaßen im Hintergrund zu spüren: daß nämlich das eigene Wesen der Herrschers, seine besondere Tugend, sich auf diese Weise in der Welt ausbreitet und sie ordnet. Zu der Vereinheitlichung der Maße gehören als rituelle und religiöse Aspekte, ohne welche dieser Verwaltungsakt sicherlich das Wesentliche seiner Bedeutung und Wirksamkeit eingebüßt hätte.” (S. 78f.)

Während also in der Moderne die Rationalität selber das wesentliche Moment der Rationalisierung ist und damit gewissermaßen zu ihrem eigenen Zweck – zum Selbstzweck – wird, ist sie in diesem Beispiel in soziale Institutionen und vorgängige Vorstellungswelten eingebunden.

Dieses Phänomen spiegelt sich auch in der Anschauung vom Handeln politischer Herrscher wieder. Aufgrund der Spezifik der zeitgenössischen Philosophie schreibt Gernet:

“die Ordnung kann nicht Resultat des Eingreifens einer Befehlsgewalt sein, sie kann gleichfalls keine autoritäre Verteilug von Funktionen und Gewalten sein und auch kein durch Übereinkunft zwischen gegensätzlichen Kräften sanktioniertes Gleichgewicht. Kurzum, sie kann nicht freiem Ermessen entspringen. Das Wirken des Herrschers ist dem des Landwirts verwandt, der sich darauf beschränkt, das Wachstum der Pflanzen zu begünstigen, jedoch keineswegs in den Prozeß des Keimens und Wachsens eingreift. Der Souverän handelt in Übereinstimmung mit der Ordnung des Himmels (t’ien) und identifiziert sich mit diesem.” (S. 79)

Das Handeln des Herrschers kann also – ebenso wie das implizit erwähnte Handeln des Landwirts – keineswegs als rational-selbstbewusste Herrschaftsausübung charakterisiert werden. Das stellt zum einen die Sicht auf die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen in Frage (vgl. dazu auch Robert Kurz: Subjektlose Herrschaft) und verstärkt den Verdacht, das es sich eher um eine Geschichte von Fetischverhältnissen handeln könnte. Gleichzeitig macht es aber auch klar, das dies antike Fetischverhältnis sich von seiner Funktionslogik vom modernen dahingehend unterscheidet, das hier der Fetisch die Handlungen in ein fest vorgegebenes sozial-philosophisches und religiöses System einbettet. In der Moderne, und das wäre der Unterschied, sind es die fetischisierten Handlungen selber, die die Handlungsmatrix herstellen und ihre Dynamik bestimmen.

Jean-Pierre Vernant
Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland
Frankfurt am Main:Suhrkamp

Linksammlung zur Formkritik

3. April 2011 Juli Keine Kommentare

In den 70er und 80er Jahren gab es eine kleine, aber doch feine sozialwissenschaftlich-philosophische Strömung, die versucht hat, den Marx’schen Begriff der Form mit Leben zu füllen. Angeknüpft wurde dabei vor allem an die Überlegungen von Sohn-Rethel zum Zusammenhang von Waren- und Denkform. Wer das genauer nachlesen möchte, schaue beispielsweise hier:

Müller, Rudolf W. (1981): Geld und Geist. zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität. Frankfurt am Main:Suhrkamp

Bolay, Eberhard/Trieb, Bernhard (1988): Verkehrte Subjektivität: Kritik der individuellen Ich-Identität. Frankfurt am Main:Campus Mehr…

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Ware und Klasse

24. September 2010 Juli 1 Kommentar

Die marx’sche Theorie wird oftmals – nicht zuletzt im akademischen Bereich – mit einer kruden Klassenkampf-Fixierung gleichgesetzt. Diese Wahrnehmung lässt sich so ungebrochen jedoch nicht auf das marx’sche Werk übertragen:

“Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. “Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen”. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.

Aber der Schein trügt. Das Marxsche Hauptwerk trägt weder den Titel “die Klasse” noch beginnt es mit dieser Kategorie, sondern vielmehr mit derjenigen der Ware: “Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware”. Statt dessen endet das “Kapital” mit der systematischen Ableitung der Klassen, und auch dies bloß der Absicht nach, denn der 3. Band ist bekanntlich Fragment geblieben. Schon diese Stellung verrät: Die Klassen sind also in der Marxschen Theorie letztlich eine sekundäre, abgeleitete Kategorie. Der traditionelle Marxismus in all seinen Variationen aber hat dieses Verhältnis in der Theorie auf den Kopf gestellt. Hier ist die Klasse der letzte Grund der Gesellschaft und nicht die Ware. Die Analyse der Warenform erscheint vielmehr als bloß definitorisch und unkritisch herunterzuschnurrender Vorspann zur “eigentlichen” Theorie des Kapitals, die primär als Theorie des Klassenkampfs verstanden wird.”

Quelle:
Ernst Lohoff/Robert Kurz:
Der Klassenkampf-Fetisch

http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch

Foucault zur Form Subjekt

20. September 2010 Juli 1 Kommentar

Es gibt einige wenige Stellen, in denen Foucault versucht, die Spezifik moderner Individualität im Unterschied zur Vormoderne auf den Punkt zu bringen. Etwa, wenn er über die Prüfung schreibt:

“Als rituelle und zugleich ‘wissenschaftliche’ Fixierung der individuellen Unterschiede, als Festnagelung eines jeden auf seine eigene Einzelheit (im Gegensatz zur Zeremonie, in der Standeszugehörigkeiten, Abstammungen, Privilegien, Ämter zu unübersehbarem Ausdruck kommen),zeigt die Prüfung das Heraufkommen einer neuen Spielart der Macht an, in der jeder seine eigene Individualität als Stand zugewiesen erhält, in der er auf die ihn charakterisierenden Eigenschaften, Maße, Abstände und ‘Noten’ festgelegt wird, die aus ihm einen ‘Fall’ machen.” (S. 247) Mehr…

Entfremdung und Subjektivität

14. September 2010 Juli 2 Kommentare

Moishe Postone beschreibt in Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft die kapitalistische Gesellschaft als eine, in der Entfremdung auf ganz spezifische Weise realisiert würde. Über das Karl Marx und dessen Kritik der politischen Ökonomie schreibt er in diesem Zusammenhang:

“So analysiert er im Kapital die Konstitution einer universellen gesellschaftlichen Form durch die entfremdete Arbeit nach zwei Seiten: sowohl als Struktur, in der menschliche Kapazitäten historisch erst geschaffen werden, wie auch als Struktur abstrakter Herrschaft. Diese entfremdete Form führt zu einer raschen Akkumulation des gesellschaftlichen Reichtums und des Produktivpotentials der Menschheit, bringt aber ebenso die zunehmende Fragmentierung der Arbeit, die formale Reglementierung der Zeit und die Zerstörung der Natur mit sich. Die Strukturen abstrakter, durch bestimmte Formen gesellschaftlicher Praxis konstituierter Herrschaft lassen einen gesellschaftlichen Prozess entstehen, der außerhalb menschlicher Kontrolle liegt. Sie bringen aber auch die historische Möglichkeit hervor, daß die Menschen das von ihnen gesellschaftlich in entfremdeter Form Konstituierte kontrollieren können.”(S. 251)

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Methode: Disziplin

12. September 2010 Juli Keine Kommentare

Das, was Foucault Disziplinargesellschaft genannt hat, bezeichnet laut seiner eigenen Auskunft die Methoden, mit denen die Beherrschung der (modernen) Körper erreicht werden konnte:

“Diese Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräft ermöglichen und sie gelehrig/nützlich machen, kann man die ‘Disziplinen’ nennen. Gewiß gab es seit langem viele Disziplinarprozeduren – in den Klöstern, in den Armeen, auch in den Werkstätten. Aber im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts sind die Disziplinen zu allgemeinen Herrschaftsformen geworden.” (S. 175f.)

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Zum Begriff des Fetischismus

10. September 2010 Juli Keine Kommentare

Zu Herkunft und Bedeutung des Begriffs “Fetischismus” führt Stephan Grigat in dem schon etwas älteren Aufsatz Kritik des Fetischismus:

„Das Wort ‚Fetisch‘ stammt aus dem Portugiesischen, wo ‚feitico‘ Zauber
bedeutet. Die im Spanischen, Portugiesischen und Französischen daraus entstandenen Wörter bezeichnen Dinge wie Täuschungen, Fälschungen, Künstlichkeit, Schminke oder auch Schmuck. Ein Fetisch ist ein Ding, dem unabhängig von seiner realen Beschaffenheit Eigenschaften zugeschrieben werden, die es nicht von Natur aus besitzt.
Beispielsweise ein Stück geschnitztes Holz, dem die Eigenschaft zugeschrieben wird, Regen herbeizuführen. Auch wenn das Stück Holz diese Eigenschaft nicht von Natur aus besitzt, so scheint sie ihm doch von dem Augenblick an natürlich anzuhaften, von dem an es sich gesellschaftlich durchgesetzt hat, daß ihm diese Eigenschaft zuerkannt wird. Die Menschen beginnen danach zu handeln und der Fetisch wird gesellschaftlich wirksam.

Den Begriff des Fetisch hat Marx der ethnologischen Fetischismustheorie entnommen. Er kannte Charles de Brosses Fetischstudie aus dem 18. Jahrhundert, durch die der Fetischbegriff auch in Deutschland unter Mithilfe Goethes, Wielands, Kants und Hegels in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Bezog sich die Ethnologie auf den archaischen Fetischismus, nahm Marx das Wort auf, um ihn als Metapher und Begriff zur Erklärung des Fetischismus in der Ökonomie zu benutzen.

In dem Buch “Fetisch und Freiheit” gibt es ganz ähnliche, in Teilen jedoch etwas ausführlichere Ausführungen dazu. Bei Wolfgang Fritz Haug finden wir die Folgenden Ausführungen:

„Es ist nützlich, das Wort Fetisch zu übersetzen. Es kommt aus dem Portugiesischen und leitet sich vom lateinischen facticium, dem Partizip Perfekts von facere (machen). Wie jedes Produkt ist es zunächst ein ‚Gemachtes‘. Doch wie im Spanischen das vom Perfektpartizip von hacer (machen), hecho, abgeleitete hechizo nimmt es dann die Bedeutung von ‚Hexerei‘ an. Marx zeigt nun, wie die Warenform die Produkte verhext, sobald sie sich ihrer bemächtigt. Die Menschen haben die Produkte gemacht. Aber indem sie die Produkte austauschen, machen sich die Produkte selbständig und rufen durch ihre Bewegung die Gesetzmäßigkeiten hervor, die dann rückwirkend das Machen neuer Produkte steuern. Das heißt, an den Produkten entfaltet sich eine Macht über ihre Macher; sie kommandiert das machen, allerdings immer erst nachträglich. Diese Macht der Machwerke über die Machenden bezeichnet der Fetischcharakter. Fetisch heißt ja letztlich wiederum Machwerk, wenn auch die Bedeutung sich zu Macht-Werk verschoben hat und das portugiesische Wort feitico dann so viel wie Zauber heißt.“ (S. 161f.)

Quelle:
Wolfgang Fritz Haug:
Vorlesungen zur Einführung ins Kapital.
Hamburg:Argument 2005