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Warenproduktion und Kapitalismus

Bereits in der ersten Zeile des Kapital definiert Marx den „Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, ( … ) als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform.“ (MEW 23, 49) Diese Formulierung legt nahe, einen als „Warensammlung“ charakterisierten Reichtum mit dem Kapitalismus zu identifizieren. Die Ware wäre demnach die allgemeine Reichtumsform nur im Kapitalismus – und nicht etwa in allen menschlichen Gesellschaften. Diese Ansicht ist in der bisherigen Geschichte der Marx-Interpretation durchaus umstritten ist. Dort wurde oftmals die Warenproduktion als etwas überhistorisches betrachtet. Am Anfang, so die Annahme, da würde der Marx nur allgemeine Basiskenntnis für menschliche Gesellschaften im Allgemeinen referieren. Und erst später, wenn vom Kapital die Rede sei, ginge es auch tatsächlich um den Kapitalismus. So eine Sichtweise findet sich etwa bei Ernest Mandel, wenn er erste Formen von Warenproduktion schon vor 12.000 Jahren gefunden haben will:

„Die Warenproduktion tauchte zum ersten Mal vor etwa zehn- bis zwölftausend Jahren im mittleren Osten im Zusammenhang mit der ersten grundlegenden Arbeitsteilung zwischen Handwerkern und Bauern auf, d.h. nach dem Entstehen der ersten Städte. Die wirtschaftliche Verfassung, in der die Produktion zum Zwecke des Tausches durch Produzenten, die ihre Produktionsbedingungen noch selbst bestimmen, nennt man einfache Warenproduktion.
Obwohl es viele Formen von einfacher Warenproduktion gab, besonders in der Antike und in der asiatischen Produktionsweise, erfuhr sie ihre bedeutendste Ausbreitung zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert in Nord- und Mittelitalien sowie im Norden und Süden der Niederlande (und in geringerem Umfang in England, Frankreich und im Westen Deutschlands). Dies war ein Ergebnis des Rückgangs der Leibeigenschaft in diesen Gebieten und der Tatsache, daß die Warenbesitzer, die miteinander Geschäfte trieben, im allgemeinen Freie und mehr oder weniger rechtlich gleichgestellt waren.“ (Ernest Mandel: Einführung in den Marxismus. Köln 1998, 42f)

Ganz ähnlich argumentiert auch Paul M. Sweezy:

„Es ist wichtig, die Warenproduktion im allgemeinen nicht mit dem Kapitalismus zu verwechseln. Es ist zwar richtig, daß nur im Kapitalismus ‚alle oder [ … ] auch nur die Mehrheit der Produkte die Form der Ware‘ (177) annehmen, so daß vom Kapitalismus sicherlich gesagt werden kann, daß er Warenproduktion impliziert. Aber das Gegenteil trifft nicht zu: Warenproduktion impliziert nicht wesentlich Kapitalismus. Tatsächlich ist ein hoher Entwicklungsstand der Warenproduktion eine notwendige Voraussetzung für das Entstehen des Kapitalismus.“ (Paul M. Sweezy: Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Frankfurt am Main 1970, Seite 75)

Entsprechend galt es dann den realsozialistischen Staaten auch als Möglichkeit, Warenproduktion unter staatlicher Regie planen zu können:

„Der Sozialismus ist das Gegenstück zum Kapitalismus, nicht aber zur Warenproduktion schlechthin. Die Warenproduktion schlechthin, ganz allgemein gesehen, schließt in sich unmittelbar keinen Antagonismus ein. Antagonismen entstehen jedoch unvermeidlich durch spontane Entwicklung der Warenproduktion.“ (Lehrbuch politische Ökonomie des Kapitalismus)

Eine Gegenposition dazu würde die Warenproduktion als spezifisch für den Kapitalismus interpretieren und etwa so argumentieren wie Robert Kurz:

„Die vorindustrielle Agrargesellschaft kannte wohl das Kaufmanns- und das zinstragende Kapital als Nischenformen, aber keine produktive Kapitalverwertung; es gab Märkte, aber keine Marktwirtschaft; und es gab Geld, aber keine Geldwirtschaft. Der Zusammenhang von Ware und Geld als geschlossenes System der Reproduktion entstand erst mit der Verwandlung von Produktionsmitteln und menschlicher Arbeitskraft in industrielles Kapital.“ (Robert Kurz: Die Himmelfahrt des Geldes. Krisis 16/17)

Auf diese Art argumentiert auch Michael Heinrich:

„In den feudalen Gesellschaften des frühen Mittelalters wurde nur ein geringer Teil der Güter getauscht; die Warenform war eher die Aushnahme als die Regel. Der überwiegende Teil der Güter bestand aus landwirtschaftichen Produkten und diese wurden entweder zum eigenen Verbrauch hergestellt oder an die Grundherren (Fürsten, Kirche) abgeliefert, also nicht getauscht. Erst im Kapitalismus wird der Tausch umfassend und damit auch die Warenform der Güter. Erst im Kapitalismus nimmt daher der Reichtum die Form einer „Warensammlung“ an und erst jetzt wird die einzelne Ware zur „Elementarform“ des Reichtums. Diese Ware, die Ware in kapitalistischen Gesellschaften, will Marx analysieren.“ (Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Stuttgart 2005, Seite 37)

Es kommt in dieser Hinsicht nicht darauf an, ob es in einer Gesellschaft Waren gibt oder vielleicht Geld. Es ist vielmehr wichtig, welche Bedeutung diese Dinge im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang haben. Sind sie Randphänomen oder ist das Leben der Menschen nach ihnen ausgerichtet?

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