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Abstrakte Individualität

Robert Kurz umschreibt in dem Aufsatz Negative Ontologie das, was er als das besondere der modernen Individualität ansieht und für das er die Bezeichnung Subjekt bevorzugt. Zunächst deutet er kursorisch an, welche vielfältigen Varianten von Individualität auch in der Vormoderne gängig gewesen seien, um dann für die moderne die abstrakte Individualität zu proklamieren:

„Was die Aufklärungsideologie als einzigen Begriff des Individuums gelten lässt und für sich bzw. für die kapitalistische Moderne reklamiert, ist zweifellos das abstrakte „Ich“, das heißt die spezifische moderne Form abstrakter Individualität. In diesem Sinne bedeutet „Individuum“ bereits die Form, in der die einzelnen Menschen als unmittelbar identisch mit dem gesellschaftlichen Zwangsverhältnis gedacht werden: nämlich als sozial getrennte, gesellschaftlich atomisierte Wesen, die sich (zuletzt bis in die Intimität hinein) nur noch durch die verdinglichte, tote Beziehungsform des Geldes miteinander vermitteln können. ( … )
Auf diese Weise wird den modernen Individuen jegliche Originalität ausgetrieben: Sie drohen sich in bloße „Exemplare“ der Wertform, in „Menschen von der Stange“ zu verwandeln. Je schriller die Rede von der wunderbaren modern-westlichen Individualität wird desto mehr gleichen die real abstrakt gewordenen menschlichen Einzelwesen einander wie ein Ei dem anderen, bis in den äußeren Habitus, ja bis in die Gedanken und Gefühle hinein, die von Moden und Medien nach Maßgabe des Verwertungs-Fetischs mechanisch gesteuert werden.“

Quelle:
Robert Kurz
Negative Ontologie. Die Dunkelmänner der Aufklärung und die Geschichtsmetaphysik der Moderne.
In: Krisis 26
Bad Honnef:Horlemann Verlag 2003

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  1. 7. September 2010, 12:14 | #1

    Wenn dich dieses Thema weiter interessiert, solltest du von Ernst Lohoff die „Verzauberung der Welt“ lesen.
    Hier sind noch weitere Artikel des Herren:
    http://www.krisis.org/thema/subjektkritik/navi/ernst-lohoff

    Kurz hat vieles leider nur angerissen und dann nicht weiter verfolgt. In dieser Hinsicht ist Lohoff deutlich besser.

  2. 7. September 2010, 15:27 | #2

    Ja, die ‚Verzauberung der Welt‘ fand ich auch sehr gut. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich Lohoffs Vermischung von historischen und logisch-systematischen Argumenten bewerten soll…

  3. 7. September 2010, 16:37 | #3

    Es handelt sich um gar keine Vermischung. Das ist durchaus logisch so aufgebaut, da ein gewisser Zustand eine historische Verlaufsform besitzt.

    P.S. Ich fand die Verzauberung der Welt nicht so gut. Das Gros der wertkritischen Beiträge, sei es Exit(us) oder Krisis, zu Politik und Gesellschaft teile ich auch gar nicht.

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