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Gesellschaft, die subjektlose „zweite Natur“

Das Diktum der „Geschichte als Geschichte der Klassenkämpfe“ geht davon aus, dass sich Gesellschaft als dialektischer Prozess zwischen herrschenden und beherrschten Subjekten entwickelt. Robert Kurz hingegen argumentiert, dass Gesellschaft vielmehr als „Geschichte von Fetisch-Konstitutionen“ zu verstehen sei, wobei die „zweite Natur“ des Menschen, sprich die Entkoppelung von der biologischen, instinkthaften „ersten Natur“ bereits den Grundstein einer Gesellschaft ausserhalb des Subjektes begründet:

Der Mensch tritt aus der ersten Natur heraus (und damit ihr gegenüber, obwohl er Teil von ihr bleibt), indem er vom Instinkt der Tiere entkoppelt wird. Er ist das instinktlose Tier […]. Damit aber ist die Notwendigkeit von Bewußtheit gesetzt, als Subjektivität gegenüber der ersten Natur. Was den schlechtesten Baumeister von der besten Biene unterscheidet, sagt bekanntlich Marx, ist die Tatsache, daß seine Konstruktion vorher durch seinen Kopf hindurchgehen muß. Der Mensch tritt so der ersten Natur als Subjekt gegenüber, aber er kann dies nur als Mensch, d.h. als gesellschaftliches Wesen. Als dieses gesellschaftliche Wesen jedoch wird er seinerseits subjektlos konstituiert, eben als subjektlose Konstitution zweiter Ordnung. Damit ist nichts weiter gesagt, als daß der Mensch sich weder unmittelbar als gesellschaftliches Subjekt selbst geschaffen hat noch von einem Gott-Subjekt geschaffen wurde, sondern als entkoppeltes Tier nur subjektlos entstehen konnte. Er entsteht als Subjekt gegenüber der ersten Natur, weiß aber notwendigerweise selber nicht, wer er ist, weiß und hat sich nicht bewußt als das, was er geworden ist, nämlich gesellschaftliches Wesen oder Naturwesen zweiter Ordnung.

Die Abdifferenzierung von der ersten Natur, die Herausbildung des Menschen als Subjekt dieser gegenüber, ist also notwendig selber wieder subjektlos. Das gesellschaftliche Wesen, da »entstanden« und nicht geschaffen, kann nur als subjektloses System zweiter Ordnung auftreten. Diese Subjektlosigkeit zweiter Ordnung ist der unvermeidliche Preis für das Subjektwerden gegenüber der unmittelbar natürlichen, biologischen Subjektlosigkeit erster Ordnung. Es »entstehen« also subjektlos Systeme zweiter Ordnung, symbolische Systeme (Codes) des entstehenden und entstandenen Menschenwesens. Genau dies ist im Kern die Fetisch-Konstitution. Schon auf den frühesten Entwicklungsstufen haben diese nichts mehr mit den Systemen der ersten Natur zu tun. Bei oberflächlicher Betrachtung mögen zwar z.B. die totemistischen Systeme durch das Kriterium der »Blutsverwandtschaft« sich scheinbar noch eng an die erste Natur anlehnen. Aber Tiere kommen grundsätzlich nicht über (höchstens) Paarbildungen und instinktgesteuerte (nicht symbolisch codierte) Rudel hinaus; schon das geschlechtsreife (oder flügge usw.) Junge tritt in keine besondere Beziehung mehr mit seinen Erzeugern. Das System der Blutsverwandtschaft ist bereits ein symbolisches System zweiter Ordnung und nicht mehr biologisch begründbar. Es ist die vermutlich älteste Fetisch-Konstitution des Menschen.

in Robert Kurz: Subjektlose Herrschaft

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