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Feuerwaffen-Ökonomie

Robert Kurz bringt die Entwicklung des Kapitalismus mit einer neuartigen Politischen Ökonomie der Feuerwaffen in Verbindung. Neue geistesgeschichtliche Strömungen wie der Protestantismus allein würden nicht ausreichen, diesen fundamentalen historischen Wandel zu erklären. Dazu käme – und das sei der wahre Kern des historischen Materialismus – die Entwicklung zwar nicht einer Produktivkraft, aber doch immerhin einer Destruktivkraft: der Feuerwaffen. Einerseits habe hierbei die von den Feuerwaffen notwendiggemachte neue Kriegstechnik und -strategie einerseits das Rittertum „militärisch lächerlich“ gemacht und andererseits den Aufbau moderner Armeen (und in deren Folge moderner Disziplinarregime) notwendig gemacht. Zum anderen aber habe diese Neuerung auch die Produktionsverhältnisse beeinflusst:

„Rüstungsindustrie, Rüstungswettlauf und die Erhaltung permanent organisierter, von der bürgerlichen Gesellschaft getrennter und gleichzeitig stark vergrößerter Armeen führten notwendig zu einer radikalen Umwälzung der Ökonomie und der gesamten gesellschaftlichen Struktur. Der aus der Gesellschaft herausgelöste militärische Großkomplex erforderte eine „permanente Kriegswirtschaft“. Diese neue Ökonomie des Todes legte sich wie ein Leichentuch auf die naturalwirtschaftlichen Strukturen der alten Agrargesellschaften. Weil Rüstung und Militär sich nicht mehr auf die lokale agrarische Form der Produktion stützen konnten, sondern großräumig und in anonymen Zusammenhängen mit Ressourcen versorgt werden mußten, waren sie auf die Vermittlung des Geldes angewiesen. Warenproduktion und Geldwirtschaft als Grundelemente des Kapitalismus erhielten damit ihren entscheidenden Anstoß in der frühen Neuzeit durch die Entfesselung der Militär- und Rüstungsökonomie.“

Damit eng verbunden sei dann auch der Moment kapitalistischer Subjektivierung gewesen:

„Diese Entwicklung erzeugte und begünstigte die kapitalistische Subjektivität und ihre Mentalität des abstrakten „Plusmachens“. Der permanente finanzielle Bedarf der Kriegswirtschaft führte in der zivilen Gesellschaft zum Aufstieg der Geld- und Handelskapitalisten, der großen Geldsammler und Kriegsfinanziers. Aber auch die neue Organisation der Armeen selber brachte die kapitalistische Mentalität hervor. Die alten agrarischen Krieger verwandelten sich in „Soldaten“, das heißt in Empfänger von „Sold“. Sie waren die ersten modernen „Lohnarbeiter“, die ihr Leben vollständig durch Geldeinkommen und Warenkonsum reproduzieren mußten. Und deshalb kämpften sie nicht mehr für idealisierte Ziele, sondern nur noch für Geld. Ihnen war es gleich, wen sie totschossen, wenn nur der Sold „stimmte“; und so wurden sie zu den ersten Repräsentanten der „abstrakten Arbeit“ (Marx) für das moderne warenproduzierende System. Sie waren übrigens auch die ersten, die „arbeitslos“ werden konnten. Wenn kein Geld mehr in den Kassen der Kriegsherren war, schmolzen die „Arbeitsplätze“ in den Armeen dahin. Viele Musketiere und Kanoniere wurden Opfer von Massenentlassungen; sie standen dann buchstäblich auf der Straße und waren gefürchtet als herumstromernde Bettler, Räuber und Gelegenheitstotschläger.“

Das klingt in seiner Genese zwar einigermaßen plausibel, scheint mir in der Ursache-Wirkung-Beschreibung jedoch nicht ganz unproblematisch. Stutzig machen muss auf der theoretischen Ebene, das der Entwicklung einer Destruktivkraft (also eins Gebrauchswertes) hier derart tiefgehende Formbestimmungen (Etablierung der Wertvergesellschaftung) zugeschrieben werden. Historisch ist auffällig, das es bereits in der Antike stehende Heere gab, ohne das diese Gesellschaftsformationen dadurch in ihrem Bestand gefährdet gewesen wären. Und selbst große, zentralisierte Produktionseinheiten ließen sich durchaus mit traditionellen Ordnungen verbinden,, wie Jean-Pierre Vernant bemerkte hierzu in seinem Vergleich der altertümlichen Gesellschaften in Griechenland und China:

„In China wurde das Eisengießen praktiziert, das im Abendland erst zu Beginn der Neuzeit bekannt wird. Diese Form der Metallverarbeitung setzt weitaus umfangreichere Mittel und Investitionen voraus, als es in Griechenland der Fall ist. Darum befindet sie sich in China auch immer mehr oder weniger in den Händen des Staates oder unter seiner Kontrolle und wird zu einem seiner Machtmittel. In Griechenland ist der Eisenschmied ein kleiner unabhängiger Produzent, der in einer Werkstatt arbeitet und den Bedürfnissen seiner Kunden über den direkten Verkauf nachkommt.“ (Vernant 1987, 82=

Robert Kurz: Die Dikatur der abstrakten Zeit
Arbeit als Verhaltensstörung der Moderne
In: Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle:
Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit
Hamburg:Konkret Literatur Verlag 1999

Jean-Pierre Vernant
Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland
Frankfurt am Main:Suhrkamp 1987

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