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Konkrete Arbeit und Mythos

Der französische Kommunist und Altertumsforscher Jean-Pierre Vernant argumentiert in seinem Aufsatz „Der Klassenkampf“, dass die Marx’sche Vermutung, die Geschichte sei in erster Linie als Geschichte von Klassenkämpfen zu begreifen, der historischen Vielschichtigkeit der Verhältnisse der Antike Welt nicht gerecht werde:

„Ließe sich die marxistische Theorie auf eine derart summarische, starre und undialektische Formel reduzieren, so wäre sie wohl kaum in der Lage, die Arbeit der Historiker zu erhellenh.“ (S. 11)

Auf diesen Punkt rekurriert auch Robert Kurz, wenn er in der „Subjektlosen Herrschaft“ schreibt:

„Es fällt ins Auge, daß die meisten Theorien der Herrschaft, die marxistischen eingeschlossen, das Problem utilitaristisch verkürzen. Wenn Aneignung »fremder Arbeit«, wenn gesellschaftliche Repression, wenn offene Gewalt, dann zu irgendjemandes Nutz und Frommen. »Cui bono«, darauf reduziert sich die Fragestellung. Eine solche Betrachtungsweise wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Schon der Pyramidenbau der alten Ägypter, der das Mehrprodukt dieser Gesellschaft zu einem nicht unerheblichen Teil verschlang, läßt sich nicht einmal gewaltsam auf einen (gar ökonomischen) Nutzen-Gesichtspunkt einer Klasse oder Kaste zurückführen. Auch das wechselseitige Abschlachten diverser »Herrschender« aus Gründen der »Ehre« fällt offenkundig aus jedem bloßen Nützlichkeitskalkül heraus.“ (S. 153)

Kurz verschiebt im Folgenden die Perspektive und unterstellt der Geschichte, sie sei nicht einer der Klassenkämpfe, sondern eine Geschichte der Fetisch-Verhältnisse. (S. 195ff.) Dabei bleibt das Verhältnis von historischer Fetisch-Konstitution und dem vermeintlich auf Nützlichkeit abzielenden Handeln einigermaßen unbestimmt. Hier erhellt nun Jean-Pierre Vernant die Argumentation, wenn er über den Prometheus-Mythos und dessen Zusammenhang mit den sozial-kulturellen Praktiken im antiken Griechenland schreibt:

„Im Bereich der sozialen Instiutionen erscheinen Opferbräuche, Verwendung des Feuers, Hochzeitsriten, und landwirtschaftliche Verfahren untereinander auf vielfältige Weise verknüpft. Zum Opfermahl als ritualisierter Küche gehört das Feuer: der Anteil der Götter wird auf dem Altar verbrannt, die genießbaren Teile können von den Menschen nur gebraten oder gekocht gegessen werden. Das Opfer scheint ferner mit dem Ackerbau verknüpft. Die Haustiere (die man opfert) verhalten sich zu den wilden Tieren (die man jagd), faßt man ihre relative Nähe zum Menschen ins Auge, wie die Kulturpflanzen (die als gekocht betrachtet werden) zu den wildwachsenden Pflanzen (die als roh betrachtet werden). In der Opferpraxis wird diese Verwandtschaft zwischen Opfertieren und Kulturpflanzen dadurch hervorgehoben, daß man im Ritual Gerste und Wein zum Schlachten und Verbrennen des Opfertiers hinzuzieht.
( … )
Jedes Merkmal, das im Mythos berücksichtigt wird, um die Menschen von den Göttern zu unterscheiden, ist gleichermaßen gültig für den Gegensatz zwischen Menschen und Tieren. Die Opfernahrung ist einer doppelten Reglementierung unterworfen: die Menschen essen nicht irgendein beliebiges Fleisch – vor allem kein Menschenfleisch – und sie essen es gebraten oder gekocht. Dem stehen bei Hesiod selbst die Homophagie und die Allelophagie der sich gegenseitig auffressenden Tiere gegenüber (Werke, 277f.). Für eine ganze Mythentradition (Aischylos, Der gefesselte Prometheus; Platon, Protagoras) schafft das von Prometheus geraubte Feuer nicht so sehr einen Abstand zwischen Himmel und Erde, sondern es entreißt die Menschheit der ursprünglichen Animalität. Es wird als handwerkliches Feuer angesehen, als Kunst-Feuer, und regiert alle Techniken, über die die Geschicklichkeit des Menschen verfügt. Auch die Ehe zieht eine klare Trennungslinie zwischen dem Menschen und den Tieren, die sich regellos, roh und im zufälligen Zusammentreffen vereinigen. Und wenn schließlich die Götter unsterblich sind, „weil sie kein Brot essen und keinen Wein trinken“ (Ilias 5, 231 f.) so kennen auch die Tiere keine Ernährung durch Kulturpflanzen und verzehren, wenn sie keine Fleischfresser sind, rohe Gräser.“ (S. 184f.)“

(Anmerkung: Homophagie (gr.) bezeichnet das verspeisen von rohem Fleisch; Allelophagie (gr.) bedeutet das Essen von Wesen der eigenen Art)

Die vermeintlich nutzenorientierten konkreten Handlungen etwa des Essens oder Kochens sind in diesem Fall keineswegs auf ihren heute in den Mittelpunkt gestellten Nutzen fixiert. Sie sind vielfältig mit religiösen Mythen verwoben und von diesen bestimmt. Damit ist zweierlei in Frage gestellt:

(a) Zum einen wird deutlich, das hier nicht umstandslos von „konkreter Arbeit“ gesprochen werden kann. Denn konkrete oder nützliche Arbeit wird von Marx bestimmt als produktive Tätigkeit zur Herstellung eines Gebrauchswertes. „Sie ist bestimmt durch ihren Zweck, Operationsweise, Gegenstand, Mittel und Resultat. Die Arbeit, deren Nützlichkeit sich so im Gebrauchswert ihres Produkts oder darin darstellt, daß ihr Produkt ein Gebrauchswert ist, nennen wir kurzweg nützliche Arbeit. Unter diesem Gesichtspunkt wird sie stets betrachtet mit Bezug auf ihren Nutzeffekt.“ (MEW 23, 56) Der hier vorausgesetzte enge, auf den Nutzeffekt des produzierten Gegenstandes bezogene Handlungstypus, liegt im zitierten Beispiel jedoch offensichtlich nicht vor. Hier wird vielmehr religiöse Bedeutung produziert, deren Konstitution den Nutzeffekt des Essens mittelbar hervorbringt.

(b) Zum anderen stellt diese Sichtweise auch die Ausführung im Mythos-Kapitel der Dialektik der Aufklärung in Frage. Hier stellen Adorno und Horkheimer einen engen Bezug zwischen Mythos und Aufklärung her. Jedweder Mythos beinhalte stets eine Loslösung von der Naturverfallenheit und sei daher aufklärerisch. Allerdings stricke der Mensch durch seine stete Aufklärungspraxis auch an seiner immer tiefergehenden Unterwerfung durch die so hervorgebrachten Mythen – von den die moderne Rationalität, die Wissenschaft und die Tauschgesellschaft nur die neueste Variante seien. Nun zeigt sich hier aber ein fundamentaler Unterschied zwischen der mythischen Rationalität und der kapitalistischen. Gerade der Mythos, der doch für Horkheimer und Adorno als Garant für die Geschichtsphilosophie steht, verbürgt so augenscheinlich den Ausweg aus dieser: es ist eben doch nicht immer der gleiche Scheiß unter der Sonne, sondern ein anderer, eben formbestimmter Scheiß.

Jean-Pierre Vernant
Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland
Frankfurt am Main:Suhrkamp 1987

Robert Kurz
Subjektlose Herrschaft
In:
ders.: Blutige Vernunft
Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer westlichen Werte
Bad Honnef: Horlemann 2004

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