Home > Marxologie > Die Realabstraktion als Form

Die Realabstraktion als Form

Zum Formbegriff bei Marx äußerte sich auch Alfred Sohn-Rethel, wenn auch sicherlich in noch sehr unausgereifter Form. Daher hier nur ganz kurz das wesentliche:

„Geistesform und Gesellschaftsform haben das gemeinsam, daß sie ‚Formen‘ sind. Die Marxsche Denkweise ist durch eine Formauffassung gekennzeichnet, in der sie sich von allen anderen Denkweisen unterscheidet. Sie leitet sich von Hegel her, aber nur, um auch sogleich von Hegel abzuweichen. Form ist für Marx zeitbedingt. Sie entsteht, vergeht und wandelt sich in der Zeit. Form als zeitgebunden zu verstehen, ist Kennzeichen dialektischen Denkens und stammt von Hegel. Aber bei Hegel ist der formgenetische und formverändernde Prozeß, wie schon ausgeführt, primär Denkprozeß. Er konstituiert die Logik.“ (S. 9)

Bei Marx hingegen, so führt Sohn-Rethel im Folgenden aus, ist der Prozess der Formbildung kein Denkprozess, sondern einer des gesellschaftlichen Seins. Entsprechend spricht er dann auch von einer Realabstraktion im Unterschied zur philosophischen Denkabstraktion:

„Das Wesen der Realabstraktion aber ist, daß sie nicht denkerzeugt ist, ihren Ursprung nicht im Denken der Menschen hat, sondern in ihrem Tun. Und dennoch gibt das ihrem Begriff keine bloße metaphorische Bedeutung. Sie ist Abstraktion im scharfen wörtlichen Sinn. Der ökonomische Wertbegriff, der aus ihr resultiert, ist gekennzeichnet durch vollkommene Qualitätslosigkeit und rein quantitative Differenzierbarkeit und durch Anwendbarkeit auf jedwede Art von Waren und Dienstleistungen, welche auf einem Markt auftreten mögen Mit diesen Eigenschaften hat die ökonomische Wertabstraktion in der Tat frappante äußere Ähnlichkeit mit tragenden Kategorien der Naturerkenntnis ( … ). Während die Begriffe der Naturerkenntnis Denkabstraktionen sind, ist der ökonomische Wertbegriff eine Realabstraktion. Er existiert zwar nirgends anders als im menschlichen Denken, er entspringt aber nicht aus dem Denken. Er ist unmittelbar gesellschaftlicher Natur, hat seinen Ursprung in der raumzeitlichen Sphäre. Um das Marxsche Unternehmen der Kritik der politischen Ökonomie adäquat zu verstehen, muß dem in der Warenanalyse aufgedeckten Phänomen der Waren- oder Wertabstraktion die vorstehende Kennzeichnung als einer Realabstraktion zuerkannt werden.“ (S. 12f.)

Quelle:
Alfred Sohn-Rethel:
Geistige und körperliche Arbeit
Zur Epistemologie der abendländischen Geschichte
Weinheim: VCH, Acta Humaniora 1989

  1. futuretwin
    13. Februar 2012, 12:21 | #1

    Hallo.
    Erstmal ein Lob: diese Seite ist sehr interessant . Sonst findet man es kaum irgendwo, dass Wertkritik und Poststrukturalismus aufeinander bezogen werden. Und Classless und Rhizom als Blogroll ist auch eine seltene Kombi, schätze ich.

    Daher hab ich mich gefreut, dass letzten Monat wieder etwas gepostet wurde.
    Ich will auch nur ein paar noch unausgegorene Gedanken loswerden:
    Zunächstmal habe ich gerade Sohn-Rethel mal auf Wikipedia nachgeguckt, da er mir letztlich schonmal unterkam. Ich fand den Gedanken ganz spannend, dass er den Vorsokratiker Parmenides herangezogen hat, um die Wertform zu beschreiben. Vermutlich kann man bei den Vorsokratikern noch viel lernen, was auch für marxistische Theoriebildung taugt. Heraklit, der „Gegenspieler“ von Parmenides hat zum Beispiel den Begriff der Dialektik geprägt und das in einer Form, wie sie z.B Merleau-Ponty zu denken versucht hat: als eine Hyper-Dialektik ohne Synthese.
    Von Heraklit mit seinem ewigen Wandel komme ich jetzt zu der zweiten Inspiration, die mir dieser Blog gegeben hat. Ich versuche gerade den Form-Stoff-Gegensatz mit dem Gestalt-Grund-Verhältnis der Gestaltpsychologie in Verbindung zu bringen bzw. mit dem Gestalt-Verwandlungs-Verhältnis der psychologischen Morphologie. Dazu mache ich mir grade Gedanken, die aber wie gesagt noch nicht ausgegoren sind. Es geht in die Richtung, dass der Kapitalismus eine Fixierung (oder Fetischisierung) der Gestalt hervorbringt und bestimmte Verwandlungen blockiert. Ich versuche das demnächst mal etwas geordneter auszuführen.

  1. Bisher keine Trackbacks