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Das Lebensalter: Quantität und Warenlogik

Philippe Ariés hat auf eine interessante zeittheoretischen Aspekt in der Betrachtung der Kindheit, insbesondere in Bezug auf das Alter des Kindes hingewiesen:

„Ein Mensch des 16. oder 17. Jahrhunderts würde sich über die staatsbürgerlichen Verpflichtungen wundern, denen wir mit Selbstverständlichkeit nachkommen. Sobald unsere Kinder zu sprechen anfangen, bringen wir ihnen ihren Namen, den ihrer Eltern und auch ihr Alter bei. Wie stolz ist man nicht, wenn der kleine Moritz, nach seinem Alter gefragt, manierlich antwortet, daß er zweieinhalb Jahre alt sei. ( … )
Der Vorname hatte im Mittelalter als ungenügende Kennzeichnung gegolten und man hatte ihn durch einen Familiennamen, oft auch einen Ortsnamen vervollständigen müssen. Mittlerweile ist es angebracht, eine neue Präzisierung numerischen Charakters hinzuzufügen: das Alter. Der Vorname und selbst der Nachname gehören jedoch zu einer Welt der Phantasie – im Falle des Vornamens – oder der Tradition – im Falle des Vornamens. Das Alter, eine Quantität, die sich aufgrund gesetzlicher Vorschriften fast auf die Stunde genau bestimmen läßt, entspringt einer anderen Welt, der der Exaktheit und der Ziffer. Bis heute sind unsere staatsbürgerlichen Gepflogenheiten zugleich mit der einen und der anderen Welt verknüpft.“ (S. 70)

Gibt es also einen Zusammenhang zwischen der Bedeutung der numerischen Altersangabe und der Welt der Mathematik? Das ist insofern nicht uninteressant, als das Alfred Sohn-Rethel, Eske Bockelmann und Claus-Peter Ortlieb bereits auf einen Zusammenhang zwischen Mathematik und kapitalistischer Gesellschaftsform hingewiesen haben.

Quelle:
Philippe Ariés:
Geschichte der Kindheit
Mit einem Vorwort von Hartmut von Hentig
München:Deutscher Taschenbuch Verlag
1978 [1960]

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