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Vietnamesische Sprachspiele

1997 veröffentlichte Rudolf Wolfgang Müller zum ersten Mal seine bis heute überaus ergiebige und lesenswerte Habilitationsschrift unter dem Titel ,Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike‘. In dem über 400 Seiten dicken Schinken beschäftigt sich Müller in Anlehnung an Alfred Sohn-Rethel mit der Frage nach dem Zusammenhang einer gesellschaftlichen Vermittlung durch Geld auf der einen Seite und der Entstehung von Identität und Rationalität auf der anderen Seite.

In der Einleitung zitiert er den deutschen Mediziner E. Wulff, der lange Jahre in Vietnam tätig war und seine Erfahrung unter dem Pseudonym Georg W. Alsheimer veröffentlicht hatte. ,Vietnamesische Lehrjahre‘ ist das 1968 zum ersten Mal veröffentlichte Buch betitelt. Müller fasst hierparaphrasierend einige Gedanken von Wulff zur Differenz von modernem und vormodernem In-der-Welt-sein zusammen.

Die von Müller im Anschluss an Wulff (bzw. Alsheimer) konstatierte Differenz ist tatsächlich derart beeindruckend, das Alsheimer hier etwas länger zitiert sei:

„In ihrer rassistischen Einstellung wurden die deutschen Kollegen auch durch die Lernschwierigkeiten eines Teiles unserer Studenten bestärkt, die sie ebensowenig zu verstehen suchten wie ihre sozialen Gefühlsreaktionen. Sie, die Studenten, klebten am Konkreten, könnten keine Allgemeinbegriffe bilden, zählten wiederholend auf statt zu begründen, unterschieden nicht zwischen Hypothesen und Tatsachenbehauptungen, verwechselten Ursache und Wirkung, könnten überhaupt nicht folgerichtig denken. Beispiele dafür gab es genug: ein Student meinte, epileptische Anfälle erzeugten Hirntumoren (das Umgekehrte war in der Vorlesung vorgetragen worden); ein anderer behauptete, nachdem er einen Kranken gesehen hatte, der im Typhusdelir gestürzt war und sich eine Ellenbogenfraktur zugezogen hatte, Typhus werde durch Knochenbrüche hervorgerufen. Andere machten aus Einzelfällen gültige Regeln oder gaben Vermutungen als Wirklichkeit aus, ohne sich über die Notwendigkeit einer Nachprüfung die leisesten Gedanken zu machen. Solche logischen Schwächen konnte man bei vielen Vietnamesen feststellen, nicht nur bei Studenten; bei diesen fiel es uns nur besonders auf. Krainick meinte, ihr Gehirn müsse eben anders gebaut sein als das der Europäer. Es handele sich um ein Problem der vergleichenden Histologie.
Der vietnamesische Unterricht, den ich seit ein paar Monaten bei einem verarmten Huéer Provinzbeamten nahm, brachte mich allmählich auf den Gedanken, daß diese Lern- und Denkschwierigkeiten mit dem vietnamesischen Sprachbau etwas zu tun haben könnten. Es gibt im vietnamesischen nicht einen bestimmten, sondern mehrere Ausdrücke für ,Ich‘, ,Du, ,Er‘, ,Wir‘; umekehrt wird manchmal dasselbe Wort für ,Ich‘, ,Du‘ und ,Er‘ gebraucht.Das hatte nicht nur häufige Verwechslungen dieser persönlichen Fürworte ( … ) zur Folge, sondern auch eine Unsicherheit, eine Instabilität im Denken des Subjekts von Gedanken und Handlungen. Auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden sprachlich nur sehr unscharf unterschieden, ebenso wie Wirklichkeits- und Möglichkeitsformen, aktivische und passivische Formen des Verbs. Substantive, Adjektive und Verben sind nur durch ihre Stellung im Satz als solche erkennbar. Die grammatikalischen Vorformen des logisch ,folgerichtigen‘ Denkens sind also im Vietnamesischen nur sehr unvollkommen ausgebildet; nicht schon mit der Erlernung der eigenen Sprache, im Alter von ein bis zwei Jahren, können sie eingeübt, praktiziert und mehr oder minder automatisiert werden, sondern erst durch die Kenntnis einer fremden, okzidentalen Sprachej, die gemeinhin sehr viel später erworben wird. Unsere Studenten fanden ihre elementaren Werkzeuge zur Erlernung der Naturwissenschaften also nicht zum Gebrauch fertig vor, sondern mußten sie sich gleichzeitig mit der Aneignung des Lehrstoffes bewußt dazu ,erdenken‘. Sie hatten also am Start schon schlechtere Chancen. Die doppelte Anstrengung erklärte auch ihre abnorm große Ermüdbarkeit und die erstaunliche Ungleichmäßigkeit ihrer Leistungen.“

Georg W. Alsheimer:
Vietnamesische Lehrjahre
Bericht eines Arztes aus Vietnam 1961 – 1967
Zweite verbesserte Auflage mit einem Nachbericht von 1972
Frankfurt am Main
Suhrkamp Verlag
S. 240f.

Lassen wir es an dieser Stelle einmal dahingestellt sein, dass Wulff/Alsheimer hier an vielen Stellen den Eindruck nahelegt, die vietnamesische Sprache sei nicht einfach anders als die europäischen Sprachen, sondern vielmehr weniger stark ausgeprägt – auf einer hierarchischen Stufenleiter von schlechter und besser. Und lassen wir auch die Frage dahingestellt, ob die Wahrnehmung einer schnellen Ermüdbarkeit der Studierenden 1. tatsächlich eine realen Ermüdbarkeit entsprach ud ob die nicht vielleicht 2. auch in anderen kulturellen Mustern ihre Ursache haben könnten. Was wir auf jeden Fall festhalten können ist eine sehr weitgehende Abhängigkeit der Denkstrukturen durch die Sprache. Wenn die Sprache bestimmte Denkoperationen nicht nahelegt, wird es auch schwer, diese auszuführen.

Wulff/Alsheimer selbst verweist nun darauf, das diese Erklärung zwar plausibel, aber kaum ausreichend sei: aus rassistische Perspektive könne nun immer noch die Nicht-Logik der Sprache auf die unzureichend ausgebildeten Gehirne der Menschen zurückgeführt werden. Wulff/Alsheimer versucht daher, die Ursache für diese Sprachbesonderheit aus den historischen und sozialen Alltagserfahrungen der Menschen in Vietnam abzuleiten. Diese seien vollständig von objektivierten, über ihnen stehenden und durch sie unbeeinflussbaren gesellschaftlichen Mächten abhängig. Mit dieser Abhängigkeit sei aber nur praktisch umzugehen, wenn das eigene Verhalten widersprüchlich und situativ sei. Und eben das präge dann (ganz materialistisch) die Sprache. (vgl. ebd., 241ff.) Müller überzeugt diese sehr nebulös gehaltene Begründung nur begrenzt, so das er im Folgenden versuchen wird, die Differenz auf die historisch unterschiedliche Durchsetzung der Geldökonomie zurückzuführen.

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