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Naive Philosophie

Die Besonderheit der kapitalistischen Form lässt sich in vielen Bereichen nachzeichnen. Sie gilt aber auch für die Spezifik der modernen Selbstdisziplin und der spezifischen Normen des modernen Geschlechterverhältnisses. Silvia Federici zeichnet diese Spezifik nach, etwa wenn sie die Etablierung moderner Geschlechterstereotype in den indigenen Gesellschaften Nordamerikas nachzeichnet. Sie diskutiert diese anhand der Kontakte zwischen Indigenen und weißen Kolonisatoren:

„Die Franzosen waren, wie so oft, wenn Europäer mit amerikanischen Ureinwohnern in Berührung kamen, von der Großzügigkeit der Montagnais-Naskapi, ihrer Kooperationsbereitschaft und ihrer Gleichgültigkeit in Statusfragen beeindruckt. Sie waren aber auch empört über die ,Unmoral‘ der Naskapi, die keine Begriffe von Privateigentum oder männlicher Überlegenheit hatten und sich sogar weigerten, ihre Kinder zu bestrafen. […] Die Jesuiten beschlossen, dem ein Ende zu setzen und die Indianer mit den Grundelementen der Zivilisation vertraut zu machen.“

Ganz in diesem Sinne begannen sie, bürgerliche Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie eine monogame Sexalmoral zu predigen. Federici zitiert hierzu einen Bericht von Paul Le Jeune, einem jesuitischen Missionar, der die Gespräche zu diesen Fragen in seinem Tagebuch festhielt:

„Ich sagte ihm, dass es für eine Frau unehrenhaft sei, irgendwen anderes als ihren Ehemann zu lieben, und dass er sich aufgrund dieses Übels selbst nicht sicher sein könne, ob sein Sohn, der dabeistand, auch wirklich sein Sohn sei. Er antwortete: ,Du hast keinen Verstand. Ihr Franzosen liebt nur eure eigenen Kinder, aber wir lieben alle Kinder unseres Stammes.‘ Ich musste lachen, da er so naiv philosophierte.“

Mehr und mehr gelang es den Missionaren jedoch, auch bei Männern dieser indigenen Community die Vorstellung plausibel zu machen, sie müssten ihre Frauen und Kinder beherrschen und disziplinieren. Da diese das nicht besonders lustig fanden und sich nicht selten auf und davon machten, empfahlen die Missionare, sie zu verfolgen und in Gefangenschaft zu nehmen. Doch auch diese Vorstellung stieß zunächst auf Befremden:

„Solche Akte der Gerechtigkeit rufen in Frankreich keinerlei Erstaunen hervor, weil es dort üblich ist, auf diese Weise zu Verfahren. Unter diesem Volk jedoch […], wo jeder von sich denkt, er sei von Geburt so frei wie die wilden Tiere, die ihre gewaltigen Wälder durchstreifen […], ist es erstaunlich, oder vielmehr ein Wunder, wenn einem mit Bestimmtheit ausgesprochenen Befehl gehorcht oder irgendeine strenge oder gerechte Handlung vorgenommen wird.“

Quelle:
Silvia Federici
Caliban und Hexe
Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation
Wien : mandelbaum kritik & utopie
2012

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