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Konkurrenz statt Solidarität

5. Juli 2013 Keine Kommentare

Immer wieder wird davon ausgegangen, Menschen seien eben so oder so. Das Menschen aber im Wesentlichen durch ihre bisherigen Erfahrungen und ihre soziale Umwelt geprägt werden, machen die folgenden von Friederike Habermann gesammelten Beispiele deutlich:

„Die Frau schreibt einen Brief, doch dann fällt ihr der Stift zu Boden. Sie beugt sich über den Schreibtisch und versucht, nach ihm zu greifen, schafft es aber nicht. Da erkennt der kleine Junge, dass er ihr helfen kann. Er geht zum Stift, hebt ihn auf und reicht ihn der Frau. Es handelt sich um ein Experiment mit 20 Monate alten Kindern: In einer ersten Phase zeigen sich fast alle hilfsbereit gegenüber Erwachsenen, denen Gegenstände entgleiten und die sich scheinbar vergeblich bemühen, sie wieder aufzuheben. Danach werden die Kinder willkürlich auf drei Gruppen verteilt: In der ersten reagiert die erwachsene Person gar nicht auf die Hilfe des Kindes, in der zweiten lobt sie das Kind und in der dritten belohnt sie es mit einem Spielzeug. Ergebnis: Während die Kinder der ersten und zweiten Gruppe weiterhin wie selbstverständlich helfen, zeigen die Kinder der dritten Gruppe überwiegend nur noch dann Hilfsbereitschaft, wenn sie dafür belohnt werden (Warneken/Tomasello 2008). Mehr…

Naive Philosophie

27. April 2013 Keine Kommentare

Die Besonderheit der kapitalistischen Form lässt sich in vielen Bereichen nachzeichnen. Sie gilt aber auch für die Spezifik der modernen Selbstdisziplin und der spezifischen Normen des modernen Geschlechterverhältnisses. Silvia Federici zeichnet diese Spezifik nach, etwa wenn sie die Etablierung moderner Geschlechterstereotype in den indigenen Gesellschaften Nordamerikas nachzeichnet. Sie diskutiert diese anhand der Kontakte zwischen Indigenen und weißen Kolonisatoren:

„Die Franzosen waren, wie so oft, wenn Europäer mit amerikanischen Ureinwohnern in Berührung kamen, von der Großzügigkeit der Montagnais-Naskapi, ihrer Kooperationsbereitschaft und ihrer Gleichgültigkeit in Statusfragen beeindruckt. Sie waren aber auch empört über die ,Unmoral‘ der Naskapi, die keine Begriffe von Privateigentum oder männlicher Überlegenheit hatten und sich sogar weigerten, ihre Kinder zu bestrafen. […] Die Jesuiten beschlossen, dem ein Ende zu setzen und die Indianer mit den Grundelementen der Zivilisation vertraut zu machen.“

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Vietnamesische Sprachspiele

23. Dezember 2012 Keine Kommentare

1997 veröffentlichte Rudolf Wolfgang Müller zum ersten Mal seine bis heute überaus ergiebige und lesenswerte Habilitationsschrift unter dem Titel ,Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike‘. In dem über 400 Seiten dicken Schinken beschäftigt sich Müller in Anlehnung an Alfred Sohn-Rethel mit der Frage nach dem Zusammenhang einer gesellschaftlichen Vermittlung durch Geld auf der einen Seite und der Entstehung von Identität und Rationalität auf der anderen Seite. Mehr…

Die Entstehung des Homo Faber

21. November 2012 Keine Kommentare

Ernst Bloch ist eher als ein Theoretiker bekannt, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden des traditionellen Marxismus steht. Und doch fand ich seine Zusammenfassung der Transformationen, die während der Zeit der Renaissance passierten, recht aufschlussreich:

„Es entsteht der arbeitende Mensch als einer, der sich seiner Arbeit nicht mehr schämt ( … ); der homo faber, der in die Welt erzeugend-eingreifende, entsteht, auch wenn dies erzeugende Eingreifen selber als ein neuer Zustand noch nicht grundhaft reflektiert war. Die frühkapitalistische Wirtschaftsweise bricht entschieden durch, es ist ökonomisch die Epoche, worin das städtische Bürgertum im Bund mit dem absolut werdenden König den ritterlichen Feudalismus zu zerstören sucht. ( … ) Vor allen Dingen jedoch nahm das Handelskapital eine neue unternehmende Form an, die erste Bank wurde von Medici von Florenz gegründet. Der manufakturelle Betrieb setzte sich gegen und neben dem Handwerksbetrieb durch, es begann Kalkulation, die nötig wurde, weil nicht mehr ein geschlossener Stadtmarkt zu beschicken war, sondern ein beginnender offener Weltmarkt. Die frühkapitalistische Warenwirtschaft brach also durch, und Italien war der Ort, wo die wirtschaftlichen Fesseln aus der Feudalzeit zuerst gesprengt wurden; darum ist Italien der Geburtsort der Renaissance. Derart entsteht nun zweierlei als Novum: Einmal das Bewußtsein des Individuums auf der Basis der individuellen kapitalistischen Wirtschaftsweise gegenüber der ständischen mit geschlossenem Markt. Zum anderen der Drang und das Bewußtsein ungemessener Weite gegenüber dem gebauten und geschlossenen Weltbild der feudal-theologischen Gesellschaft.“

Quelle:
Ernst Bloch
Philosophie der Renaissance
In:
Zwischenwelten in der Philosophiegeschichte. Aus Leipziger Vorlesungen.
Frankfurt am Main : Suhrkamp Verlag
1985 [1977]

Die Entstehung der Kindheit

16. Februar 2012 Keine Kommentare

Dass die uns gängigen Weltvorstellungen erst mit der Moderne und somit mit dem Kapitalismus in die Welt gekommen sind, ist nichts neues. Das gilt auch für so selbstverständliche Phänomene wie Kindheit (von der z.B. Siegfried Bernfeld behauptet hat, sie sei eine anthropologische Konstante). Philippe Ariés verweist zunächst auf die auffällige Darstellung von Kindern in der vormodernen Kunst bis zum europäischen Mittelalter:

„Bis zum 17. Jahrhundert kannte die mittelalterliche Kunst die Kindheit entweder nicht oder unternahme doch jedenfalls keinen Versuch, sie darzustellen. Es fällt schwer zu glauben, daß diese Tatsache der Ungeschicklichkeit der Künstler zuzuschreiben ist. Man sollte eher annehmen, daß in jener Welt kein Platz für die Kindheit war. Eine ottomanische Miniatur des 11. Jahrhunderts gibt uns auf eindrucksvolle Weise einen Begriff davon, daß der Künstler den kindlichen Körper in einer Weise deformierte, die unserem Empfinden und unserer Anschauungsweise gänzlich unvertraut sein muß. Gegenstand der Miniatur ist die Szene aus dem Evangelium, wo Jesus die Kindlein zu sich kommen läßt; der lateinische Text spricht eindeutig von parvuli. Doch umgibt der Miniaturmaler Jesus mit acht normalen Männern, die nicht das geringste kindliche Merkmal aufweisen: es sind einfach verkleinerte Ausgaben von erwachsenen Männern. Lediglich hinsichtlich ihrer Größe unterscheiden sie sich von ihnen.“

Ariés führt im Folgenden noch eine ganze Reihe von Beispielen dafür an, dass Kinder in den entsprechenden Malereien als kleine Erwachsene dargestellt werden. Als Ursache dafür macht er die Tatsache aus, dass Kindheit in unserem heutigen Sinne nicht existierte. In der Säuglingsphase wurde der Nachwuchs schlichtweg noch nicht als voller Mensch wahrgenommen – was Ariés auf die hohe Kindersterblichkeit zurückführt:

„Die Vorstellung, das Bild eines Kindes zu bewahren, ob dieses nun ab Leben geblieben und erwachsen geworden oder aber im zarten Alter gestorben war, kannte man nicht. Im ersten Falle war die Kindheit nur eine bedeutungslose Übergangszeit, die man nicht im Gedächtnis zu behalten brauchte; im zweiten Falle, d.h. wenn das Kind gestorben war, fand man nicht, daß dieses kleine Ding, das allzu früh wieder aus der Welt verschwunden war, des Andenkens würdig sei: dafür gab es zu viele, die unter den gleichen Schwierigkeiten am Leben erhalten werden mußten! Die Einstellung, daß man mehrere Kinder haben wollte, um wenigstens das eine oder andere am Leben erhalten zu können, war – und blieb noch lange Zeit – tiefverwurzelt. ( … )
Die Vorstellung, daß solch ein Kind bereits eine vollständige menschliche Persönlichkeit verkörperte, wie wir heute allgemein glauben, kannte man nicht. Zu viele starben. ,Sie sterben mir alle als Säuglinge weg‘, um noch einmal Montaigne zu zitieren. Diese Gleichgültigkeit war eine direkte und unausweichliche Konsequenz der Demographie der Epoche. Auf dem platten Land hält sie sich bis ins 19. Jahrhundert“. (S. 100f.)

Den Rahmen dieser Beobachtungen fasst der Autor in der Einleitung zusammen:

„Die Dauer der Kindheit war auf das zarteste Kindesalter beschränkt, dh.h. auf die Periode, wo das kleine Wesen nicht ohne fremde Hilfe auskommen kann; das Kind wurde also, kaum daß es sich physisch zurechtfinden konnte, übergangslos zu den Erwachsenen gezählt, es teilte ihre Arbeit und ihre Spiele. Vom sehr kleinen Kind wurde es sofort zum jungen Menschen, ohne die Etappe der Jugend zu durchlaufen ( … ).
Die Weitergabe der Werte und der Kenntnisse und, allgemeiner gesprochen, die Sozialisation des Kindes wurden also von der Familie weder gewährleistet noch durch sie kontrolliert. Das Kind entfernte sich schnell von den Eltern, und man kann sagen, daß die Erziehung dank dem Zusammenleben von Kind bzw. Jugendlichem und Erwachsenem jahrhundertelang auf dem Lehrverhältnis beruhte. Es lernte die Dinge, die es wissen mußte, indem es den Erwachsenen bei ihrer Verrichtung half.
( … )
Immerhin konnte das Kind in den allerersten Jahren, wenn es noch ein kleines drolliges Ding war, auf eine oberflächliche Gefühlszuwendung rechnen, die ich „Gehätschel“ genannt habe. Man vergnügte sich mit ihm wie mit einem Tier, einem ungesitteten Äffchen. ( … )
Wenn es ihm überhaupt gelang, die ersten Gefahren zu überstehen, mit denen es in der Hätschelperiode zu kämpfen hatte, dann geschah es nicht selten, daß die Familie es weggab. Diese Familie setzte sich zusammen aus dem Elternpaar und den Kindern, die es bei sich behielt: Ich bin der Ansicht, daß die (mehrere Generationen oder mehrere kollaterale Gruppen umfassende Großfamilie ausschließlich in der Einbildung von Moralisten ( … ) oder ( …. ) Soziologen ( … ) existiert hat ( … )
Die Mission, von der diese alte Familie geprägt war, war die Erhaltung des Besitzes, die gemeinsame Ausübung des Handwerks, die alltägliche gegenseitige Hilfe in einer Welt, in der ein einzelner Mann und mehr noch eine einzelne Frau nicht überleben konnten ( … ). Eine affektive Funktion hatte sie nicht.“

Quelle:
Philippe Ariés:
Geschichte der Kindheit
Mit einem Vorwort von Hartmut von Hentig
München:Deutscher Taschenbuch Verlag
1978 [1960]

Das Lebensalter: Quantität und Warenlogik

16. Februar 2012 Keine Kommentare

Philippe Ariés hat auf eine interessante zeittheoretischen Aspekt in der Betrachtung der Kindheit, insbesondere in Bezug auf das Alter des Kindes hingewiesen:

„Ein Mensch des 16. oder 17. Jahrhunderts würde sich über die staatsbürgerlichen Verpflichtungen wundern, denen wir mit Selbstverständlichkeit nachkommen. Sobald unsere Kinder zu sprechen anfangen, bringen wir ihnen ihren Namen, den ihrer Eltern und auch ihr Alter bei. Wie stolz ist man nicht, wenn der kleine Moritz, nach seinem Alter gefragt, manierlich antwortet, daß er zweieinhalb Jahre alt sei. ( … ) Mehr…

Die Realabstraktion als Form

22. Januar 2012 1 Kommentar

Zum Formbegriff bei Marx äußerte sich auch Alfred Sohn-Rethel, wenn auch sicherlich in noch sehr unausgereifter Form. Daher hier nur ganz kurz das wesentliche:

„Geistesform und Gesellschaftsform haben das gemeinsam, daß sie ‚Formen‘ sind. Die Marxsche Denkweise ist durch eine Formauffassung gekennzeichnet, in der sie sich von allen anderen Denkweisen unterscheidet. Sie leitet sich von Hegel her, aber nur, um auch sogleich von Hegel abzuweichen. Form ist für Marx zeitbedingt. Sie entsteht, vergeht und wandelt sich in der Zeit. Form als zeitgebunden zu verstehen, ist Kennzeichen dialektischen Denkens und stammt von Hegel. Aber bei Hegel ist der formgenetische und formverändernde Prozeß, wie schon ausgeführt, primär Denkprozeß. Er konstituiert die Logik.“ (S. 9) Mehr…

Konkrete Arbeit und Mythos

17. April 2011 Keine Kommentare

Der französische Kommunist und Altertumsforscher Jean-Pierre Vernant argumentiert in seinem Aufsatz „Der Klassenkampf“, dass die Marx’sche Vermutung, die Geschichte sei in erster Linie als Geschichte von Klassenkämpfen zu begreifen, der historischen Vielschichtigkeit der Verhältnisse der Antike Welt nicht gerecht werde:

„Ließe sich die marxistische Theorie auf eine derart summarische, starre und undialektische Formel reduzieren, so wäre sie wohl kaum in der Lage, die Arbeit der Historiker zu erhellenh.“ (S. 11)

Auf diesen Punkt rekurriert auch Robert Kurz Mehr…

Feuerwaffen-Ökonomie

17. April 2011 Keine Kommentare

Robert Kurz bringt die Entwicklung des Kapitalismus mit einer neuartigen Politischen Ökonomie der Feuerwaffen in Verbindung. Neue geistesgeschichtliche Strömungen wie der Protestantismus allein würden nicht ausreichen, diesen fundamentalen historischen Wandel zu erklären. Dazu käme – und das sei der wahre Kern des historischen Materialismus – die Entwicklung zwar nicht einer Produktivkraft, aber doch immerhin einer Destruktivkraft: der Feuerwaffen. Einerseits habe hierbei die von den Feuerwaffen notwendiggemachte neue Kriegstechnik und -strategie einerseits das Rittertum „militärisch lächerlich“ gemacht und andererseits den Aufbau moderner Armeen (und in deren Folge moderner Disziplinarregime) notwendig gemacht. Zum anderen aber habe diese Neuerung auch die Produktionsverhältnisse beeinflusst: Mehr…

Rationalität und Ordnung im alten China

16. April 2011 Keine Kommentare

Was die Besonderheit der kapitalistischen Formbestimmung ausmacht lässt sich immer besonders gut deutlich machen durch ihre Konfrontation mit den Eigenlogiken anderer, zumeist vormoderner Gesellschaften. So schreibt Jacques_Gernet in einem gemeinsam mit Jean-Pierre Vernant herausgegebenen Aufsatz über das altertümliche China:

„Wenn 221 vor unserer Zeitrechnung der erste Kaiser Chinas alle Maß des neuen Reichs vereinheitlicht, so darf man hierin nicht nur einen positivien Akt sehen, der sich durch praktsiche Verwaltungsbedürfnisse erklären ließe. Denn folgende mächtige – und von unserem Gesichtspunkt aus irraktionale – Vorstellung ist gleichermaßen im Hintergrund zu spüren: daß nämlich das eigene Wesen der Herrschers, seine besondere Tugend, sich auf diese Weise in der Welt ausbreitet und sie ordnet. Zu der Vereinheitlichung der Maße gehören als rituelle und religiöse Aspekte, ohne welche dieser Verwaltungsakt sicherlich das Wesentliche seiner Bedeutung und Wirksamkeit eingebüßt hätte.“ (S. 78f.)

Während also in der Moderne die Rationalität selber das wesentliche Moment der Rationalisierung ist und damit gewissermaßen zu ihrem eigenen Zweck – zum Selbstzweck – wird, ist sie in diesem Beispiel in soziale Institutionen und vorgängige Vorstellungswelten eingebunden.

Dieses Phänomen spiegelt sich auch in der Anschauung vom Handeln politischer Herrscher wieder. Aufgrund der Spezifik der zeitgenössischen Philosophie schreibt Gernet:

„die Ordnung kann nicht Resultat des Eingreifens einer Befehlsgewalt sein, sie kann gleichfalls keine autoritäre Verteilug von Funktionen und Gewalten sein und auch kein durch Übereinkunft zwischen gegensätzlichen Kräften sanktioniertes Gleichgewicht. Kurzum, sie kann nicht freiem Ermessen entspringen. Das Wirken des Herrschers ist dem des Landwirts verwandt, der sich darauf beschränkt, das Wachstum der Pflanzen zu begünstigen, jedoch keineswegs in den Prozeß des Keimens und Wachsens eingreift. Der Souverän handelt in Übereinstimmung mit der Ordnung des Himmels (t’ien) und identifiziert sich mit diesem.“ (S. 79)

Das Handeln des Herrschers kann also – ebenso wie das implizit erwähnte Handeln des Landwirts – keineswegs als rational-selbstbewusste Herrschaftsausübung charakterisiert werden. Das stellt zum einen die Sicht auf die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen in Frage (vgl. dazu auch Robert Kurz: Subjektlose Herrschaft) und verstärkt den Verdacht, das es sich eher um eine Geschichte von Fetischverhältnissen handeln könnte. Gleichzeitig macht es aber auch klar, das dies antike Fetischverhältnis sich von seiner Funktionslogik vom modernen dahingehend unterscheidet, das hier der Fetisch die Handlungen in ein fest vorgegebenes sozial-philosophisches und religiöses System einbettet. In der Moderne, und das wäre der Unterschied, sind es die fetischisierten Handlungen selber, die die Handlungsmatrix herstellen und ihre Dynamik bestimmen.

Jean-Pierre Vernant
Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland
Frankfurt am Main:Suhrkamp