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Linksammlung zur Formkritik

3. April 2011 Keine Kommentare

In den 70er und 80er Jahren gab es eine kleine, aber doch feine sozialwissenschaftlich-philosophische Strömung, die versucht hat, den Marx’schen Begriff der Form mit Leben zu füllen. Angeknüpft wurde dabei vor allem an die Überlegungen von Sohn-Rethel zum Zusammenhang von Waren- und Denkform. Wer das genauer nachlesen möchte, schaue beispielsweise hier:

Müller, Rudolf W. (1981): Geld und Geist. zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität. Frankfurt am Main:Suhrkamp

Bolay, Eberhard/Trieb, Bernhard (1988): Verkehrte Subjektivität: Kritik der individuellen Ich-Identität. Frankfurt am Main:Campus Mehr…

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Ware und Klasse

24. September 2010 1 Kommentar

Die marx’sche Theorie wird oftmals – nicht zuletzt im akademischen Bereich – mit einer kruden Klassenkampf-Fixierung gleichgesetzt. Diese Wahrnehmung lässt sich so ungebrochen jedoch nicht auf das marx’sche Werk übertragen:

„Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. “Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen”. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.

Aber der Schein trügt. Das Marxsche Hauptwerk trägt weder den Titel “die Klasse” noch beginnt es mit dieser Kategorie, sondern vielmehr mit derjenigen der Ware: “Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware”. Statt dessen endet das “Kapital” mit der systematischen Ableitung der Klassen, und auch dies bloß der Absicht nach, denn der 3. Band ist bekanntlich Fragment geblieben. Schon diese Stellung verrät: Die Klassen sind also in der Marxschen Theorie letztlich eine sekundäre, abgeleitete Kategorie. Der traditionelle Marxismus in all seinen Variationen aber hat dieses Verhältnis in der Theorie auf den Kopf gestellt. Hier ist die Klasse der letzte Grund der Gesellschaft und nicht die Ware. Die Analyse der Warenform erscheint vielmehr als bloß definitorisch und unkritisch herunterzuschnurrender Vorspann zur “eigentlichen” Theorie des Kapitals, die primär als Theorie des Klassenkampfs verstanden wird.“

Quelle:
Ernst Lohoff/Robert Kurz:
Der Klassenkampf-Fetisch
http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch

Foucault zur Form Subjekt

20. September 2010 1 Kommentar

Es gibt einige wenige Stellen, in denen Foucault versucht, die Spezifik moderner Individualität im Unterschied zur Vormoderne auf den Punkt zu bringen. Etwa, wenn er über die Prüfung schreibt:

„Als rituelle und zugleich ‚wissenschaftliche‘ Fixierung der individuellen Unterschiede, als Festnagelung eines jeden auf seine eigene Einzelheit (im Gegensatz zur Zeremonie, in der Standeszugehörigkeiten, Abstammungen, Privilegien, Ämter zu unübersehbarem Ausdruck kommen),zeigt die Prüfung das Heraufkommen einer neuen Spielart der Macht an, in der jeder seine eigene Individualität als Stand zugewiesen erhält, in der er auf die ihn charakterisierenden Eigenschaften, Maße, Abstände und ‚Noten‘ festgelegt wird, die aus ihm einen ‚Fall‘ machen.“ (S. 247) Mehr…

Entfremdung und Subjektivität

14. September 2010 2 Kommentare

Moishe Postone beschreibt in Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft die kapitalistische Gesellschaft als eine, in der Entfremdung auf ganz spezifische Weise realisiert würde. Über das Karl Marx und dessen Kritik der politischen Ökonomie schreibt er in diesem Zusammenhang:

„So analysiert er im Kapital die Konstitution einer universellen gesellschaftlichen Form durch die entfremdete Arbeit nach zwei Seiten: sowohl als Struktur, in der menschliche Kapazitäten historisch erst geschaffen werden, wie auch als Struktur abstrakter Herrschaft. Diese entfremdete Form führt zu einer raschen Akkumulation des gesellschaftlichen Reichtums und des Produktivpotentials der Menschheit, bringt aber ebenso die zunehmende Fragmentierung der Arbeit, die formale Reglementierung der Zeit und die Zerstörung der Natur mit sich. Die Strukturen abstrakter, durch bestimmte Formen gesellschaftlicher Praxis konstituierter Herrschaft lassen einen gesellschaftlichen Prozess entstehen, der außerhalb menschlicher Kontrolle liegt. Sie bringen aber auch die historische Möglichkeit hervor, daß die Menschen das von ihnen gesellschaftlich in entfremdeter Form Konstituierte kontrollieren können.“(S. 251)

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Methode: Disziplin

12. September 2010 Keine Kommentare

Das, was Foucault Disziplinargesellschaft genannt hat, bezeichnet laut seiner eigenen Auskunft die Methoden, mit denen die Beherrschung der (modernen) Körper erreicht werden konnte:

„Diese Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräft ermöglichen und sie gelehrig/nützlich machen, kann man die ‚Disziplinen‘ nennen. Gewiß gab es seit langem viele Disziplinarprozeduren – in den Klöstern, in den Armeen, auch in den Werkstätten. Aber im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts sind die Disziplinen zu allgemeinen Herrschaftsformen geworden.“ (S. 175f.)

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Zum Begriff des Fetischismus

10. September 2010 Keine Kommentare

Zu Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Fetischismus“ führt Stephan Grigat in dem schon etwas älteren Aufsatz Kritik des Fetischismus:

„Das Wort ‚Fetisch‘ stammt aus dem Portugiesischen, wo ‚feitico‘ Zauber
bedeutet. Die im Spanischen, Portugiesischen und Französischen daraus entstandenen Wörter bezeichnen Dinge wie Täuschungen, Fälschungen, Künstlichkeit, Schminke oder auch Schmuck. Ein Fetisch ist ein Ding, dem unabhängig von seiner realen Beschaffenheit Eigenschaften zugeschrieben werden, die es nicht von Natur aus besitzt.
Beispielsweise ein Stück geschnitztes Holz, dem die Eigenschaft zugeschrieben wird, Regen herbeizuführen. Auch wenn das Stück Holz diese Eigenschaft nicht von Natur aus besitzt, so scheint sie ihm doch von dem Augenblick an natürlich anzuhaften, von dem an es sich gesellschaftlich durchgesetzt hat, daß ihm diese Eigenschaft zuerkannt wird. Die Menschen beginnen danach zu handeln und der Fetisch wird gesellschaftlich wirksam.

Den Begriff des Fetisch hat Marx der ethnologischen Fetischismustheorie entnommen. Er kannte Charles de Brosses Fetischstudie aus dem 18. Jahrhundert, durch die der Fetischbegriff auch in Deutschland unter Mithilfe Goethes, Wielands, Kants und Hegels in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Bezog sich die Ethnologie auf den archaischen Fetischismus, nahm Marx das Wort auf, um ihn als Metapher und Begriff zur Erklärung des Fetischismus in der Ökonomie zu benutzen.

In dem Buch „Fetisch und Freiheit“ gibt es ganz ähnliche, in Teilen jedoch etwas ausführlichere Ausführungen dazu. Bei Wolfgang Fritz Haug finden wir die Folgenden Ausführungen:

„Es ist nützlich, das Wort Fetisch zu übersetzen. Es kommt aus dem Portugiesischen und leitet sich vom lateinischen facticium, dem Partizip Perfekts von facere (machen). Wie jedes Produkt ist es zunächst ein ‚Gemachtes‘. Doch wie im Spanischen das vom Perfektpartizip von hacer (machen), hecho, abgeleitete hechizo nimmt es dann die Bedeutung von ‚Hexerei‘ an. Marx zeigt nun, wie die Warenform die Produkte verhext, sobald sie sich ihrer bemächtigt. Die Menschen haben die Produkte gemacht. Aber indem sie die Produkte austauschen, machen sich die Produkte selbständig und rufen durch ihre Bewegung die Gesetzmäßigkeiten hervor, die dann rückwirkend das Machen neuer Produkte steuern. Das heißt, an den Produkten entfaltet sich eine Macht über ihre Macher; sie kommandiert das machen, allerdings immer erst nachträglich. Diese Macht der Machwerke über die Machenden bezeichnet der Fetischcharakter. Fetisch heißt ja letztlich wiederum Machwerk, wenn auch die Bedeutung sich zu Macht-Werk verschoben hat und das portugiesische Wort feitico dann so viel wie Zauber heißt.“ (S. 161f.)

Quelle:
Wolfgang Fritz Haug:
Vorlesungen zur Einführung ins Kapital.
Hamburg:Argument 2005

Sekundäres zum Fetischismus

10. September 2010 Keine Kommentare

Hier einige Erläuterungen zum marx’schen Begriff des Warenfetisch: Mehr…

Sohn-Rethel zur Realabstraktion

10. September 2010 Keine Kommentare

Der Begriff der Realabstraktion stammt von Alfred Sohn-Rethel. Der schreibt dazu:

„Das Wesen der Warenabstraktion aber ist, daß sie nicht denkerzeugt ist, ihren Ursprung nicht im Denken der Menschen hat, sondern in ihrem Tun. Und dennoch gibt das ihrem Begriff keine bloße metaphorische Bedeutung. Sie ist Abstraktion im scharfen wörtlichen Sinne. Der ökonomische Wertbegriff, der aus ihr resultiert, ist gekennzeichnet durch vollkommene Qualitätslosigkeit und rein quantitative Differenzierbarkeit und durch Anwendbarkeit auf jedwede Art von Waren und von Dienstleistungen, welche auf einem Markt auftreten mögen. Mit diesen Eigenschaften hat die ökonomische Wertabstraktion in der Tat frappante äußere Ähnlichkeit mit tragenden Kategorien der quantifizierenden Naturerkenntnis (…). Während die Begriff der Naturerkenntnis Denkabstraktionen sind, ist der ökonomische Wertbegriff eine Realabstraktion. Er existiert zwar nirgends anders als im menschlichen Denken, er entspringt aber nicht aus dem Denken. Er ist unmittelbar gesellschaftlicher Natur, hat seinen Ursprung in der raumzeitlichen Sphäre zwischenmenschlichen Verkehrs. Nicht die Personen erzeugen diese Abstraktion, sondern ihre Handlungen tun das, ihre Handlungen miteinander.“ (S. 41f)

Quelle:
Alfred Sohn-Rethel:
Geistige und körperliche Arbeit.
Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis.
Frankfurt am Main 1970,

Der gesellschaftliche Zusammenhang, abstrakt

8. September 2010 Keine Kommentare

Das Kapital als sich verwertender Wert wirkt nicht einfach als Gedankenkonstrukt, sondern als reales Prinzip, das die Welt nach dem eigenen Bilde zu formen sucht:

„Die Warengesellschaft ist historisch die erste Gesellschaft, in der der gesellschaftliche Zusammenhang abstrakt wird, getrennt vom Rest, und diese Abstraktion als Abstraktion zur Wirklichkeit wird. Der konkrete Aspekt der Dinge ordnet sich der Abstraktion unter, und deshalb entwickelt die Abstraktion zerstörerische Folgen. Die abstrakte Arbeit reduziert alles auf dasselbe, auf eine einfache oder multiplizierte Verausgabung der allen Menschen gemeinsamen Arbeitsfähigkeit, so dass die Arbeit erst dann gesellschaftlich wird, wenn sie jeder konkreten gesellschaftlichen Bestimmung entkleidet ist. Wenn die Gesellschaftlichkeit eines Dings oder einer Arbeit nicht in der Nützlichkeit besteht, sondern nur in der Fähigkeit, sich in Geld zu verwandeln, werden die gesellschaftlichen Entscheidungen nicht im Hinblick auf den individuellen oder kollektiven Nutzen getroffen. Der Inhalt der konkreten Arbeiten, ihre Voraussetzungen, ihre gesellschaftlichen Folgen, ihre Auswirkungen auf Produzenten und Konsumenten, ihre Umweltverträglichkeit sind nicht mehr Teil ihres gesellschaftlichen Charakters. Gesellschaftlich ist nur der automatische und unkontrollierbare Prozess, bei dem Arbeit in Geld verwandelt wird. Die Unterordnung der Nützlichkeit der Produkte, die zur rein privaten Dimension wird, unter ihre Austauschbarkeit, ihrer einzigen gesellschaftlichen Dimension, muss zwangsläufig zu katastrophalen Ergebnissen führen.“ (S. 51)

Quelle:
Anselm Jappe:
Die Abenteuer der Ware.
Münster 2005.

Robert Kurz zum Gebrauchswert

8. September 2010 Keine Kommentare

Das der Gebrauchswert nicht per se als überhistorisches, jenseits der kapitalistischen Kategorien stehendes Phänomen angesehen werden kann, darauf verweist bereits Robert Kurz:

„Er bezeichnet nicht die ‚Nützlichkeit‘ schlechthin, sondern nur die Nützlichkeit unter dem Diktat des modernen warenproduzierenden Systems. Das war für Marx im 19. Jahrhundert vielleicht noch nicht so eindeutig. Brot und Wein, Bücher und Schuhe, Hausbau und Krankenpflege schienen immer dieselben Dinge zu sein, ob sie nun kapitalistisch produziert werden oder nicht. Das hat sich gründlich geändert. Lebensmittel werden nach Verpackungsnormen gezüchtet; die Produkte enthalten ‚künstlichen Verschleiß‘, damit man schnell neue kaufen muß; Kranke werden nach betriebswirtschaftlichen Normen behandelt wie Autos in der Waschanlage.“ (Robert Kurz: Abschied vom Gebrauchswert) Mehr…