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Archiv für die Kategorie ‘Kritische Theorie’

Konkrete Arbeit und Mythos

17. April 2011 Keine Kommentare

Der französische Kommunist und Altertumsforscher Jean-Pierre Vernant argumentiert in seinem Aufsatz „Der Klassenkampf“, dass die Marx’sche Vermutung, die Geschichte sei in erster Linie als Geschichte von Klassenkämpfen zu begreifen, der historischen Vielschichtigkeit der Verhältnisse der Antike Welt nicht gerecht werde:

„Ließe sich die marxistische Theorie auf eine derart summarische, starre und undialektische Formel reduzieren, so wäre sie wohl kaum in der Lage, die Arbeit der Historiker zu erhellenh.“ (S. 11)

Auf diesen Punkt rekurriert auch Robert Kurz Mehr…

Sohn-Rethel zur Realabstraktion

10. September 2010 Keine Kommentare

Der Begriff der Realabstraktion stammt von Alfred Sohn-Rethel. Der schreibt dazu:

„Das Wesen der Warenabstraktion aber ist, daß sie nicht denkerzeugt ist, ihren Ursprung nicht im Denken der Menschen hat, sondern in ihrem Tun. Und dennoch gibt das ihrem Begriff keine bloße metaphorische Bedeutung. Sie ist Abstraktion im scharfen wörtlichen Sinne. Der ökonomische Wertbegriff, der aus ihr resultiert, ist gekennzeichnet durch vollkommene Qualitätslosigkeit und rein quantitative Differenzierbarkeit und durch Anwendbarkeit auf jedwede Art von Waren und von Dienstleistungen, welche auf einem Markt auftreten mögen. Mit diesen Eigenschaften hat die ökonomische Wertabstraktion in der Tat frappante äußere Ähnlichkeit mit tragenden Kategorien der quantifizierenden Naturerkenntnis (…). Während die Begriff der Naturerkenntnis Denkabstraktionen sind, ist der ökonomische Wertbegriff eine Realabstraktion. Er existiert zwar nirgends anders als im menschlichen Denken, er entspringt aber nicht aus dem Denken. Er ist unmittelbar gesellschaftlicher Natur, hat seinen Ursprung in der raumzeitlichen Sphäre zwischenmenschlichen Verkehrs. Nicht die Personen erzeugen diese Abstraktion, sondern ihre Handlungen tun das, ihre Handlungen miteinander.“ (S. 41f)

Quelle:
Alfred Sohn-Rethel:
Geistige und körperliche Arbeit.
Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis.
Frankfurt am Main 1970,

Eigentum und Individualität

2. September 2010 Keine Kommentare

„Privateigentum gibt es nur dort, wo der Mensch zum Individuum wird, in der Individualität entdeckt der Mensch seine Freiheit, die er geschützt wissen will durch die Privatsphäre. Tatsächlich findet sich die gesellschaftliche Notwendigkeit, den Menschen als Individuum hervorzubringen, in den materiellen Produktionsverhältnissen, das heißt in der besonderen Form der Arbeit, die mit dem Kapitalismus entsteht. Der Kapitalismus ist eine Tauschökonomie, in der der Mensch gerade deshalb als In=dividuum, also wörtlich Unteilbares, agiert, weil nur so von ihm etwas abgeteilt werden kann: Nicht das Arbeitsprodukt wird verkauft, sondern die Arbeitskraft, gemessen in abstrakten Zeiteinheiten. Und: Was produziert wird ist nicht das Eigentum des Produzenten, sondern das Eigentum desjenigen, dem der Produzent sein in diesem sozialen Verhältnis einziges Eigentum, nämlich seine Arbeitskraft, verkauft hat. Diese gesellschaftliche Eigenschaft des Menschen eine Eigenschaft zu besitzen, wird zu einer individuellen Eigenschaft. Umgekehrt verwandeln sich seine individuellen Eigenschaften in gesellschaftliche – aus dem besonderen Charakter des Menschen werden allgemeine Soft Skills.“

Quelle:
Roger Behrens: Diebstahl ist Eigentum.
In: OPAK. Wir müssen reden. 06/2010

Der Versuch, das (Privat-)Eigentum auf seine notwendige Verknüpfung mit der Warenproduktion hin zu untersuchen, ist interessant – auch wenn die Auflösung über den Verkauf der Arbeitskraft nicht wirklich überzeugen kann. Denn dann würden Ich-AG und genossenschaftliche Produktion am Markt (bei der im strengen Sinne erstmal kein Verkauf der Arbeitskraft vorliegen dürfte) aus dem kapitalistischen Universum ausgeschlossen sein.

Herrschaft des Allgemeinen über das Besondere

2. September 2010 Keine Kommentare

„Die Abstraktheit des Tauschwerts geht vor aller besonderen sozialen Schichtung mit der Herrschaft des Allgemeinen über das Besondere, der Gesellschaft über ihre Zwangsmitglieder zusammen. ( … ) In der Reduktion der Menschen auf Agenten und Träger des Warentauschs versteckt sich die Herrschaft von Menschen über Menschen. ( … ) Der totale Zusammenhang hat die Getalt, daß alle dem Tauschgesetz sich unterwerfen müssen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen, gleichgültig, ob sie subjektiv von einem ‚Profitmotiv‘ geleitet werden oder nicht.“

Quelle:
Theodor W. Adorno: Gesellschaft
In: Soziologische Schriften I
1. Auflage
2003/1965
Frankfurt am Main:Suhrkamp
Seite 14

Adorno benennt hier einen relevanten Punkt für eine Form-Kritik: moderne Gesellschaften zeichnen sich durch ein zusammenwirken von gesellschaftlicher Allgemeinheit und individueller Besonderheit aus. Dabei wäre zu zeigen, wie einerseits Universalität und Partikularität als auch Gleichheit und Freiheit als hierauf rekurrierende Pole durch die gesellschaftliche Praxis hervorgebracht werden.