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Archiv für die Kategorie ‘Wertkritik’

Konkrete Arbeit und Mythos

17. April 2011 Keine Kommentare

Der französische Kommunist und Altertumsforscher Jean-Pierre Vernant argumentiert in seinem Aufsatz „Der Klassenkampf“, dass die Marx’sche Vermutung, die Geschichte sei in erster Linie als Geschichte von Klassenkämpfen zu begreifen, der historischen Vielschichtigkeit der Verhältnisse der Antike Welt nicht gerecht werde:

„Ließe sich die marxistische Theorie auf eine derart summarische, starre und undialektische Formel reduzieren, so wäre sie wohl kaum in der Lage, die Arbeit der Historiker zu erhellenh.“ (S. 11)

Auf diesen Punkt rekurriert auch Robert Kurz Mehr…

Feuerwaffen-Ökonomie

17. April 2011 Keine Kommentare

Robert Kurz bringt die Entwicklung des Kapitalismus mit einer neuartigen Politischen Ökonomie der Feuerwaffen in Verbindung. Neue geistesgeschichtliche Strömungen wie der Protestantismus allein würden nicht ausreichen, diesen fundamentalen historischen Wandel zu erklären. Dazu käme – und das sei der wahre Kern des historischen Materialismus – die Entwicklung zwar nicht einer Produktivkraft, aber doch immerhin einer Destruktivkraft: der Feuerwaffen. Einerseits habe hierbei die von den Feuerwaffen notwendiggemachte neue Kriegstechnik und -strategie einerseits das Rittertum „militärisch lächerlich“ gemacht und andererseits den Aufbau moderner Armeen (und in deren Folge moderner Disziplinarregime) notwendig gemacht. Zum anderen aber habe diese Neuerung auch die Produktionsverhältnisse beeinflusst: Mehr…

Ware und Klasse

24. September 2010 1 Kommentar

Die marx’sche Theorie wird oftmals – nicht zuletzt im akademischen Bereich – mit einer kruden Klassenkampf-Fixierung gleichgesetzt. Diese Wahrnehmung lässt sich so ungebrochen jedoch nicht auf das marx’sche Werk übertragen:

„Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. “Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen”. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.

Aber der Schein trügt. Das Marxsche Hauptwerk trägt weder den Titel “die Klasse” noch beginnt es mit dieser Kategorie, sondern vielmehr mit derjenigen der Ware: “Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware”. Statt dessen endet das “Kapital” mit der systematischen Ableitung der Klassen, und auch dies bloß der Absicht nach, denn der 3. Band ist bekanntlich Fragment geblieben. Schon diese Stellung verrät: Die Klassen sind also in der Marxschen Theorie letztlich eine sekundäre, abgeleitete Kategorie. Der traditionelle Marxismus in all seinen Variationen aber hat dieses Verhältnis in der Theorie auf den Kopf gestellt. Hier ist die Klasse der letzte Grund der Gesellschaft und nicht die Ware. Die Analyse der Warenform erscheint vielmehr als bloß definitorisch und unkritisch herunterzuschnurrender Vorspann zur “eigentlichen” Theorie des Kapitals, die primär als Theorie des Klassenkampfs verstanden wird.“

Quelle:
Ernst Lohoff/Robert Kurz:
Der Klassenkampf-Fetisch
http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch

Entfremdung und Subjektivität

14. September 2010 2 Kommentare

Moishe Postone beschreibt in Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft die kapitalistische Gesellschaft als eine, in der Entfremdung auf ganz spezifische Weise realisiert würde. Über das Karl Marx und dessen Kritik der politischen Ökonomie schreibt er in diesem Zusammenhang:

„So analysiert er im Kapital die Konstitution einer universellen gesellschaftlichen Form durch die entfremdete Arbeit nach zwei Seiten: sowohl als Struktur, in der menschliche Kapazitäten historisch erst geschaffen werden, wie auch als Struktur abstrakter Herrschaft. Diese entfremdete Form führt zu einer raschen Akkumulation des gesellschaftlichen Reichtums und des Produktivpotentials der Menschheit, bringt aber ebenso die zunehmende Fragmentierung der Arbeit, die formale Reglementierung der Zeit und die Zerstörung der Natur mit sich. Die Strukturen abstrakter, durch bestimmte Formen gesellschaftlicher Praxis konstituierter Herrschaft lassen einen gesellschaftlichen Prozess entstehen, der außerhalb menschlicher Kontrolle liegt. Sie bringen aber auch die historische Möglichkeit hervor, daß die Menschen das von ihnen gesellschaftlich in entfremdeter Form Konstituierte kontrollieren können.“(S. 251)

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Warentausch =/= Menschlich

8. September 2010 Keine Kommentare

Die „ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit“ (Marx) einer auf Waren-, Staats-, Subjekt- und Rechtsform basierten Gesellschaft, wird von Marx selbst bereits im berühmten Monadenzitat angerissen:

Die Freiheit ist also das Recht, alles zu tun und zu treiben, was keinem andern schadet. Die Grenze, in welcher sich jeder dem andern unschädlich bewegen kann, ist durch das Gesetz bestimmt, wie die Grenze zweier Felder durch den Zaunpfahl bestimmt ist. Es handelt sich um die Freiheit des Menschen als isolierter auf sich zurückgezogener Monade.

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Gesellschaft, die subjektlose „zweite Natur“

8. September 2010 Keine Kommentare

Das Diktum der „Geschichte als Geschichte der Klassenkämpfe“ geht davon aus, dass sich Gesellschaft als dialektischer Prozess zwischen herrschenden und beherrschten Subjekten entwickelt. Robert Kurz hingegen argumentiert, dass Gesellschaft vielmehr als „Geschichte von Fetisch-Konstitutionen“ zu verstehen sei, wobei die „zweite Natur“ des Menschen, sprich die Entkoppelung von der biologischen, instinkthaften „ersten Natur“ bereits den Grundstein einer Gesellschaft ausserhalb des Subjektes begründet: Mehr…

Der gesellschaftliche Zusammenhang, abstrakt

8. September 2010 Keine Kommentare

Das Kapital als sich verwertender Wert wirkt nicht einfach als Gedankenkonstrukt, sondern als reales Prinzip, das die Welt nach dem eigenen Bilde zu formen sucht:

„Die Warengesellschaft ist historisch die erste Gesellschaft, in der der gesellschaftliche Zusammenhang abstrakt wird, getrennt vom Rest, und diese Abstraktion als Abstraktion zur Wirklichkeit wird. Der konkrete Aspekt der Dinge ordnet sich der Abstraktion unter, und deshalb entwickelt die Abstraktion zerstörerische Folgen. Die abstrakte Arbeit reduziert alles auf dasselbe, auf eine einfache oder multiplizierte Verausgabung der allen Menschen gemeinsamen Arbeitsfähigkeit, so dass die Arbeit erst dann gesellschaftlich wird, wenn sie jeder konkreten gesellschaftlichen Bestimmung entkleidet ist. Wenn die Gesellschaftlichkeit eines Dings oder einer Arbeit nicht in der Nützlichkeit besteht, sondern nur in der Fähigkeit, sich in Geld zu verwandeln, werden die gesellschaftlichen Entscheidungen nicht im Hinblick auf den individuellen oder kollektiven Nutzen getroffen. Der Inhalt der konkreten Arbeiten, ihre Voraussetzungen, ihre gesellschaftlichen Folgen, ihre Auswirkungen auf Produzenten und Konsumenten, ihre Umweltverträglichkeit sind nicht mehr Teil ihres gesellschaftlichen Charakters. Gesellschaftlich ist nur der automatische und unkontrollierbare Prozess, bei dem Arbeit in Geld verwandelt wird. Die Unterordnung der Nützlichkeit der Produkte, die zur rein privaten Dimension wird, unter ihre Austauschbarkeit, ihrer einzigen gesellschaftlichen Dimension, muss zwangsläufig zu katastrophalen Ergebnissen führen.“ (S. 51)

Quelle:
Anselm Jappe:
Die Abenteuer der Ware.
Münster 2005.

Robert Kurz zum Gebrauchswert

8. September 2010 Keine Kommentare

Das der Gebrauchswert nicht per se als überhistorisches, jenseits der kapitalistischen Kategorien stehendes Phänomen angesehen werden kann, darauf verweist bereits Robert Kurz:

„Er bezeichnet nicht die ‚Nützlichkeit‘ schlechthin, sondern nur die Nützlichkeit unter dem Diktat des modernen warenproduzierenden Systems. Das war für Marx im 19. Jahrhundert vielleicht noch nicht so eindeutig. Brot und Wein, Bücher und Schuhe, Hausbau und Krankenpflege schienen immer dieselben Dinge zu sein, ob sie nun kapitalistisch produziert werden oder nicht. Das hat sich gründlich geändert. Lebensmittel werden nach Verpackungsnormen gezüchtet; die Produkte enthalten ‚künstlichen Verschleiß‘, damit man schnell neue kaufen muß; Kranke werden nach betriebswirtschaftlichen Normen behandelt wie Autos in der Waschanlage.“ (Robert Kurz: Abschied vom Gebrauchswert) Mehr…

Gesellschaftliche Vermittlung über Arbeit

8. September 2010 Keine Kommentare

Der Klassiker zur Beschreibung dessen, was sich als kapitalistische Gesellschaftsform beschreiben lässt, findet sich wohl bei Moishe Postone in Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft:

„In der warenförmigen Gesellschaft sind die Vergegenständlichungen der Arbeit des Einen die Mittel, um von Anderen produzierte Güter zu erwerben. Das Produkt de Einen dient den Anderen als Gut: als Gebrauchswert. Es dient dem Produzenten als Mittel, um die Arbeitsprodukte der Anderen zu erwerben. In genau diesem Sinne ist ein Produkt eine Ware: es ist zugleich ein Gebrauchswert für die Anderen und ein Tauschmittel für den Produzenten. ( … ) Mit anderen Worten: in der warenförmigen Gesellschaft wird Arbeit auf ganz besondere Weise zum MIttel, Güter zu erwerben. Hinsichtlich der Produkte, die die Käufer dank ihrer Arbeit erwerben, abstrahieren sie von der Besonderheit der Arbeit der Produzenten. Es besteht keine innere Beziehung zwischen der spezifischen Beschaffenheit der verausgabten Arbeit und der spezifischen Beschaffenheit des Produkts, das mittels dieser Arbeit erworben wird. Mehr…

Abstrakte Individualität

7. September 2010 3 Kommentare

Robert Kurz umschreibt in dem Aufsatz Negative Ontologie das, was er als das besondere der modernen Individualität ansieht und für das er die Bezeichnung Subjekt bevorzugt. Zunächst deutet er kursorisch an, welche vielfältigen Varianten von Individualität auch in der Vormoderne gängig gewesen seien, um dann für die moderne die abstrakte Individualität zu proklamieren:

„Was die Aufklärungsideologie als einzigen Begriff des Individuums gelten lässt und für sich bzw. für die kapitalistische Moderne reklamiert, ist zweifellos das abstrakte „Ich“, das heißt die spezifische moderne Form abstrakter Individualität. In diesem Sinne bedeutet „Individuum“ bereits die Form, in der die einzelnen Menschen als unmittelbar identisch mit dem gesellschaftlichen Zwangsverhältnis gedacht werden: nämlich als sozial getrennte, gesellschaftlich atomisierte Wesen, die sich (zuletzt bis in die Intimität hinein) nur noch durch die verdinglichte, tote Beziehungsform des Geldes miteinander vermitteln können. ( … )
Auf diese Weise wird den modernen Individuen jegliche Originalität ausgetrieben: Sie drohen sich in bloße „Exemplare“ der Wertform, in „Menschen von der Stange“ zu verwandeln. Je schriller die Rede von der wunderbaren modern-westlichen Individualität wird desto mehr gleichen die real abstrakt gewordenen menschlichen Einzelwesen einander wie ein Ei dem anderen, bis in den äußeren Habitus, ja bis in die Gedanken und Gefühle hinein, die von Moden und Medien nach Maßgabe des Verwertungs-Fetischs mechanisch gesteuert werden.“

Quelle:
Robert Kurz
Negative Ontologie. Die Dunkelmänner der Aufklärung und die Geschichtsmetaphysik der Moderne.
In: Krisis 26
Bad Honnef:Horlemann Verlag 2003

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