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Die Entstehung des Homo Faber

21. November 2012 Keine Kommentare

Ernst Bloch ist eher als ein Theoretiker bekannt, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden des traditionellen Marxismus steht. Und doch fand ich seine Zusammenfassung der Transformationen, die während der Zeit der Renaissance passierten, recht aufschlussreich:

„Es entsteht der arbeitende Mensch als einer, der sich seiner Arbeit nicht mehr schämt ( … ); der homo faber, der in die Welt erzeugend-eingreifende, entsteht, auch wenn dies erzeugende Eingreifen selber als ein neuer Zustand noch nicht grundhaft reflektiert war. Die frühkapitalistische Wirtschaftsweise bricht entschieden durch, es ist ökonomisch die Epoche, worin das städtische Bürgertum im Bund mit dem absolut werdenden König den ritterlichen Feudalismus zu zerstören sucht. ( … ) Vor allen Dingen jedoch nahm das Handelskapital eine neue unternehmende Form an, die erste Bank wurde von Medici von Florenz gegründet. Der manufakturelle Betrieb setzte sich gegen und neben dem Handwerksbetrieb durch, es begann Kalkulation, die nötig wurde, weil nicht mehr ein geschlossener Stadtmarkt zu beschicken war, sondern ein beginnender offener Weltmarkt. Die frühkapitalistische Warenwirtschaft brach also durch, und Italien war der Ort, wo die wirtschaftlichen Fesseln aus der Feudalzeit zuerst gesprengt wurden; darum ist Italien der Geburtsort der Renaissance. Derart entsteht nun zweierlei als Novum: Einmal das Bewußtsein des Individuums auf der Basis der individuellen kapitalistischen Wirtschaftsweise gegenüber der ständischen mit geschlossenem Markt. Zum anderen der Drang und das Bewußtsein ungemessener Weite gegenüber dem gebauten und geschlossenen Weltbild der feudal-theologischen Gesellschaft.“

Quelle:
Ernst Bloch
Philosophie der Renaissance
In:
Zwischenwelten in der Philosophiegeschichte. Aus Leipziger Vorlesungen.
Frankfurt am Main : Suhrkamp Verlag
1985 [1977]