Archiv

Artikel Tagged ‘Familie’

Die Entstehung der Kindheit

16. Februar 2012 Keine Kommentare

Dass die uns gängigen Weltvorstellungen erst mit der Moderne und somit mit dem Kapitalismus in die Welt gekommen sind, ist nichts neues. Das gilt auch für so selbstverständliche Phänomene wie Kindheit (von der z.B. Siegfried Bernfeld behauptet hat, sie sei eine anthropologische Konstante). Philippe Ariés verweist zunächst auf die auffällige Darstellung von Kindern in der vormodernen Kunst bis zum europäischen Mittelalter:

„Bis zum 17. Jahrhundert kannte die mittelalterliche Kunst die Kindheit entweder nicht oder unternahme doch jedenfalls keinen Versuch, sie darzustellen. Es fällt schwer zu glauben, daß diese Tatsache der Ungeschicklichkeit der Künstler zuzuschreiben ist. Man sollte eher annehmen, daß in jener Welt kein Platz für die Kindheit war. Eine ottomanische Miniatur des 11. Jahrhunderts gibt uns auf eindrucksvolle Weise einen Begriff davon, daß der Künstler den kindlichen Körper in einer Weise deformierte, die unserem Empfinden und unserer Anschauungsweise gänzlich unvertraut sein muß. Gegenstand der Miniatur ist die Szene aus dem Evangelium, wo Jesus die Kindlein zu sich kommen läßt; der lateinische Text spricht eindeutig von parvuli. Doch umgibt der Miniaturmaler Jesus mit acht normalen Männern, die nicht das geringste kindliche Merkmal aufweisen: es sind einfach verkleinerte Ausgaben von erwachsenen Männern. Lediglich hinsichtlich ihrer Größe unterscheiden sie sich von ihnen.“

Ariés führt im Folgenden noch eine ganze Reihe von Beispielen dafür an, dass Kinder in den entsprechenden Malereien als kleine Erwachsene dargestellt werden. Als Ursache dafür macht er die Tatsache aus, dass Kindheit in unserem heutigen Sinne nicht existierte. In der Säuglingsphase wurde der Nachwuchs schlichtweg noch nicht als voller Mensch wahrgenommen – was Ariés auf die hohe Kindersterblichkeit zurückführt:

„Die Vorstellung, das Bild eines Kindes zu bewahren, ob dieses nun ab Leben geblieben und erwachsen geworden oder aber im zarten Alter gestorben war, kannte man nicht. Im ersten Falle war die Kindheit nur eine bedeutungslose Übergangszeit, die man nicht im Gedächtnis zu behalten brauchte; im zweiten Falle, d.h. wenn das Kind gestorben war, fand man nicht, daß dieses kleine Ding, das allzu früh wieder aus der Welt verschwunden war, des Andenkens würdig sei: dafür gab es zu viele, die unter den gleichen Schwierigkeiten am Leben erhalten werden mußten! Die Einstellung, daß man mehrere Kinder haben wollte, um wenigstens das eine oder andere am Leben erhalten zu können, war – und blieb noch lange Zeit – tiefverwurzelt. ( … )
Die Vorstellung, daß solch ein Kind bereits eine vollständige menschliche Persönlichkeit verkörperte, wie wir heute allgemein glauben, kannte man nicht. Zu viele starben. ,Sie sterben mir alle als Säuglinge weg‘, um noch einmal Montaigne zu zitieren. Diese Gleichgültigkeit war eine direkte und unausweichliche Konsequenz der Demographie der Epoche. Auf dem platten Land hält sie sich bis ins 19. Jahrhundert“. (S. 100f.)

Den Rahmen dieser Beobachtungen fasst der Autor in der Einleitung zusammen:

„Die Dauer der Kindheit war auf das zarteste Kindesalter beschränkt, dh.h. auf die Periode, wo das kleine Wesen nicht ohne fremde Hilfe auskommen kann; das Kind wurde also, kaum daß es sich physisch zurechtfinden konnte, übergangslos zu den Erwachsenen gezählt, es teilte ihre Arbeit und ihre Spiele. Vom sehr kleinen Kind wurde es sofort zum jungen Menschen, ohne die Etappe der Jugend zu durchlaufen ( … ).
Die Weitergabe der Werte und der Kenntnisse und, allgemeiner gesprochen, die Sozialisation des Kindes wurden also von der Familie weder gewährleistet noch durch sie kontrolliert. Das Kind entfernte sich schnell von den Eltern, und man kann sagen, daß die Erziehung dank dem Zusammenleben von Kind bzw. Jugendlichem und Erwachsenem jahrhundertelang auf dem Lehrverhältnis beruhte. Es lernte die Dinge, die es wissen mußte, indem es den Erwachsenen bei ihrer Verrichtung half.
( … )
Immerhin konnte das Kind in den allerersten Jahren, wenn es noch ein kleines drolliges Ding war, auf eine oberflächliche Gefühlszuwendung rechnen, die ich „Gehätschel“ genannt habe. Man vergnügte sich mit ihm wie mit einem Tier, einem ungesitteten Äffchen. ( … )
Wenn es ihm überhaupt gelang, die ersten Gefahren zu überstehen, mit denen es in der Hätschelperiode zu kämpfen hatte, dann geschah es nicht selten, daß die Familie es weggab. Diese Familie setzte sich zusammen aus dem Elternpaar und den Kindern, die es bei sich behielt: Ich bin der Ansicht, daß die (mehrere Generationen oder mehrere kollaterale Gruppen umfassende Großfamilie ausschließlich in der Einbildung von Moralisten ( … ) oder ( …. ) Soziologen ( … ) existiert hat ( … )
Die Mission, von der diese alte Familie geprägt war, war die Erhaltung des Besitzes, die gemeinsame Ausübung des Handwerks, die alltägliche gegenseitige Hilfe in einer Welt, in der ein einzelner Mann und mehr noch eine einzelne Frau nicht überleben konnten ( … ). Eine affektive Funktion hatte sie nicht.“

Quelle:
Philippe Ariés:
Geschichte der Kindheit
Mit einem Vorwort von Hartmut von Hentig
München:Deutscher Taschenbuch Verlag
1978 [1960]