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Rationalität und Ordnung im alten China

16. April 2011 Keine Kommentare

Was die Besonderheit der kapitalistischen Formbestimmung ausmacht lässt sich immer besonders gut deutlich machen durch ihre Konfrontation mit den Eigenlogiken anderer, zumeist vormoderner Gesellschaften. So schreibt Jacques_Gernet in einem gemeinsam mit Jean-Pierre Vernant herausgegebenen Aufsatz über das altertümliche China:

„Wenn 221 vor unserer Zeitrechnung der erste Kaiser Chinas alle Maß des neuen Reichs vereinheitlicht, so darf man hierin nicht nur einen positivien Akt sehen, der sich durch praktsiche Verwaltungsbedürfnisse erklären ließe. Denn folgende mächtige – und von unserem Gesichtspunkt aus irraktionale – Vorstellung ist gleichermaßen im Hintergrund zu spüren: daß nämlich das eigene Wesen der Herrschers, seine besondere Tugend, sich auf diese Weise in der Welt ausbreitet und sie ordnet. Zu der Vereinheitlichung der Maße gehören als rituelle und religiöse Aspekte, ohne welche dieser Verwaltungsakt sicherlich das Wesentliche seiner Bedeutung und Wirksamkeit eingebüßt hätte.“ (S. 78f.)

Während also in der Moderne die Rationalität selber das wesentliche Moment der Rationalisierung ist und damit gewissermaßen zu ihrem eigenen Zweck – zum Selbstzweck – wird, ist sie in diesem Beispiel in soziale Institutionen und vorgängige Vorstellungswelten eingebunden.

Dieses Phänomen spiegelt sich auch in der Anschauung vom Handeln politischer Herrscher wieder. Aufgrund der Spezifik der zeitgenössischen Philosophie schreibt Gernet:

„die Ordnung kann nicht Resultat des Eingreifens einer Befehlsgewalt sein, sie kann gleichfalls keine autoritäre Verteilug von Funktionen und Gewalten sein und auch kein durch Übereinkunft zwischen gegensätzlichen Kräften sanktioniertes Gleichgewicht. Kurzum, sie kann nicht freiem Ermessen entspringen. Das Wirken des Herrschers ist dem des Landwirts verwandt, der sich darauf beschränkt, das Wachstum der Pflanzen zu begünstigen, jedoch keineswegs in den Prozeß des Keimens und Wachsens eingreift. Der Souverän handelt in Übereinstimmung mit der Ordnung des Himmels (t’ien) und identifiziert sich mit diesem.“ (S. 79)

Das Handeln des Herrschers kann also – ebenso wie das implizit erwähnte Handeln des Landwirts – keineswegs als rational-selbstbewusste Herrschaftsausübung charakterisiert werden. Das stellt zum einen die Sicht auf die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen in Frage (vgl. dazu auch Robert Kurz: Subjektlose Herrschaft) und verstärkt den Verdacht, das es sich eher um eine Geschichte von Fetischverhältnissen handeln könnte. Gleichzeitig macht es aber auch klar, das dies antike Fetischverhältnis sich von seiner Funktionslogik vom modernen dahingehend unterscheidet, das hier der Fetisch die Handlungen in ein fest vorgegebenes sozial-philosophisches und religiöses System einbettet. In der Moderne, und das wäre der Unterschied, sind es die fetischisierten Handlungen selber, die die Handlungsmatrix herstellen und ihre Dynamik bestimmen.

Jean-Pierre Vernant
Mythos und Gesellschaft im alten Griechenland
Frankfurt am Main:Suhrkamp