Archiv

Artikel Tagged ‘Robert_Kurz’

Konkrete Arbeit und Mythos

17. April 2011 Keine Kommentare

Der französische Kommunist und Altertumsforscher Jean-Pierre Vernant argumentiert in seinem Aufsatz „Der Klassenkampf“, dass die Marx’sche Vermutung, die Geschichte sei in erster Linie als Geschichte von Klassenkämpfen zu begreifen, der historischen Vielschichtigkeit der Verhältnisse der Antike Welt nicht gerecht werde:

„Ließe sich die marxistische Theorie auf eine derart summarische, starre und undialektische Formel reduzieren, so wäre sie wohl kaum in der Lage, die Arbeit der Historiker zu erhellenh.“ (S. 11)

Auf diesen Punkt rekurriert auch Robert Kurz Mehr…

Ware und Klasse

24. September 2010 1 Kommentar

Die marx’sche Theorie wird oftmals – nicht zuletzt im akademischen Bereich – mit einer kruden Klassenkampf-Fixierung gleichgesetzt. Diese Wahrnehmung lässt sich so ungebrochen jedoch nicht auf das marx’sche Werk übertragen:

„Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. “Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen”. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.

Aber der Schein trügt. Das Marxsche Hauptwerk trägt weder den Titel “die Klasse” noch beginnt es mit dieser Kategorie, sondern vielmehr mit derjenigen der Ware: “Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware”. Statt dessen endet das “Kapital” mit der systematischen Ableitung der Klassen, und auch dies bloß der Absicht nach, denn der 3. Band ist bekanntlich Fragment geblieben. Schon diese Stellung verrät: Die Klassen sind also in der Marxschen Theorie letztlich eine sekundäre, abgeleitete Kategorie. Der traditionelle Marxismus in all seinen Variationen aber hat dieses Verhältnis in der Theorie auf den Kopf gestellt. Hier ist die Klasse der letzte Grund der Gesellschaft und nicht die Ware. Die Analyse der Warenform erscheint vielmehr als bloß definitorisch und unkritisch herunterzuschnurrender Vorspann zur “eigentlichen” Theorie des Kapitals, die primär als Theorie des Klassenkampfs verstanden wird.“

Quelle:
Ernst Lohoff/Robert Kurz:
Der Klassenkampf-Fetisch
http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch

Gesellschaft, die subjektlose „zweite Natur“

8. September 2010 Keine Kommentare

Das Diktum der „Geschichte als Geschichte der Klassenkämpfe“ geht davon aus, dass sich Gesellschaft als dialektischer Prozess zwischen herrschenden und beherrschten Subjekten entwickelt. Robert Kurz hingegen argumentiert, dass Gesellschaft vielmehr als „Geschichte von Fetisch-Konstitutionen“ zu verstehen sei, wobei die „zweite Natur“ des Menschen, sprich die Entkoppelung von der biologischen, instinkthaften „ersten Natur“ bereits den Grundstein einer Gesellschaft ausserhalb des Subjektes begründet: Mehr…

Robert Kurz zum Gebrauchswert

8. September 2010 Keine Kommentare

Das der Gebrauchswert nicht per se als überhistorisches, jenseits der kapitalistischen Kategorien stehendes Phänomen angesehen werden kann, darauf verweist bereits Robert Kurz:

„Er bezeichnet nicht die ‚Nützlichkeit‘ schlechthin, sondern nur die Nützlichkeit unter dem Diktat des modernen warenproduzierenden Systems. Das war für Marx im 19. Jahrhundert vielleicht noch nicht so eindeutig. Brot und Wein, Bücher und Schuhe, Hausbau und Krankenpflege schienen immer dieselben Dinge zu sein, ob sie nun kapitalistisch produziert werden oder nicht. Das hat sich gründlich geändert. Lebensmittel werden nach Verpackungsnormen gezüchtet; die Produkte enthalten ‚künstlichen Verschleiß‘, damit man schnell neue kaufen muß; Kranke werden nach betriebswirtschaftlichen Normen behandelt wie Autos in der Waschanlage.“ (Robert Kurz: Abschied vom Gebrauchswert) Mehr…

Abstrakte Individualität

7. September 2010 3 Kommentare

Robert Kurz umschreibt in dem Aufsatz Negative Ontologie das, was er als das besondere der modernen Individualität ansieht und für das er die Bezeichnung Subjekt bevorzugt. Zunächst deutet er kursorisch an, welche vielfältigen Varianten von Individualität auch in der Vormoderne gängig gewesen seien, um dann für die moderne die abstrakte Individualität zu proklamieren:

„Was die Aufklärungsideologie als einzigen Begriff des Individuums gelten lässt und für sich bzw. für die kapitalistische Moderne reklamiert, ist zweifellos das abstrakte „Ich“, das heißt die spezifische moderne Form abstrakter Individualität. In diesem Sinne bedeutet „Individuum“ bereits die Form, in der die einzelnen Menschen als unmittelbar identisch mit dem gesellschaftlichen Zwangsverhältnis gedacht werden: nämlich als sozial getrennte, gesellschaftlich atomisierte Wesen, die sich (zuletzt bis in die Intimität hinein) nur noch durch die verdinglichte, tote Beziehungsform des Geldes miteinander vermitteln können. ( … )
Auf diese Weise wird den modernen Individuen jegliche Originalität ausgetrieben: Sie drohen sich in bloße „Exemplare“ der Wertform, in „Menschen von der Stange“ zu verwandeln. Je schriller die Rede von der wunderbaren modern-westlichen Individualität wird desto mehr gleichen die real abstrakt gewordenen menschlichen Einzelwesen einander wie ein Ei dem anderen, bis in den äußeren Habitus, ja bis in die Gedanken und Gefühle hinein, die von Moden und Medien nach Maßgabe des Verwertungs-Fetischs mechanisch gesteuert werden.“

Quelle:
Robert Kurz
Negative Ontologie. Die Dunkelmänner der Aufklärung und die Geschichtsmetaphysik der Moderne.
In: Krisis 26
Bad Honnef:Horlemann Verlag 2003

KategorienWertkritik Tags: ,

Warenproduktion und Kapitalismus

4. September 2010 Keine Kommentare

Bereits in der ersten Zeile des Kapital definiert Marx den „Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, ( … ) als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform.“ (MEW 23, 49) Diese Formulierung legt nahe, einen als „Warensammlung“ charakterisierten Reichtum mit dem Kapitalismus zu identifizieren. Die Ware wäre demnach die allgemeine Reichtumsform nur im Kapitalismus – und nicht etwa in allen menschlichen Gesellschaften. Diese Ansicht ist in der bisherigen Geschichte der Marx-Interpretation durchaus umstritten ist. Dort wurde oftmals die Warenproduktion als etwas überhistorisches betrachtet. Am Anfang, so die Annahme, da würde der Marx nur allgemeine Basiskenntnis für menschliche Gesellschaften im Allgemeinen referieren. Und erst später, wenn vom Kapital die Rede sei, ginge es auch tatsächlich um den Kapitalismus. So eine Sichtweise findet sich etwa bei Ernest Mandel, wenn er erste Formen von Warenproduktion schon vor 12.000 Jahren gefunden haben will: Mehr…